„Seht, der Mensch“ – Berliner Pfingstprozession im Namen der verfolgten Christen

Der „Ökumenische Kirchenrat Berlin Brandenburg“ (ÖRBB) hatte zu Pfingsten 2015 scheinbar sein Herz für die verfolgten Christen entdeckt. Unter dem Motto „Seht – der Mensch. Unsere Stimme für verfolgte Christen.“ riefen die Mitgliedskirchen zu einer kleinen Kundgebung am Brandenburger Tor auf, der eine Pfingstwegsprozession zum Berliner Dom folgte, wo dann eine Andacht die „Nacht der offenen Kirchen“ einleitete. 

Ich gestehe, in den letzten Jahren habe ich oftmals verbal auf die „Großkirchen“ in meiner Stadt eingeprügelt, weil dort die weltweite Christenverfolgung als Thema eher stiefmütterlich bis überhaupt nicht behandelt wurde. Ignorante Pfarrer, um „interreligiöse Dialoge“ mit dem Islam besorgte Bischöfe und ähnliche Vertreter von EKD oder katholischer Kirche mussten sich von mir so einiges anhören, weil ich die Bibelworte:

  • Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst; denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. (Johannes 17, 14)
    und
  • Hört nie auf, zu bitten und zu beten! Gottes Geist wird euch dabei leiten. Bleibt wach und bereit. Bittet Gott inständig für alle Christen. (Epheser 6, 18)

ernst nehme. Wer es also ablehnt, für die, die von der Welt „gehasst“ werden, zu beten, hat bei mir immer einen ganz schlechten Stand. Ganz gleich, welche scheinbar rationalen oder geistlichen Motive er auch immer vorschiebt. Auch habe ich in den vergangenen Jahren öfter hier im Blog darüber geschrieben, wie das ganze Thema der Christenverfolgung „an der Basis“ von Gläubigen, Gemeinde-Funktionsträgern und Pastoren ignoriert bzw. in kleinen rituellen, aber letztlich nur an der Oberflächte kratzenden „“Muss-Veranstaltungen“ abgehandelt wird. Die alljährlich zumeist um die Adventszeit herum geplanten Vorträge etwa von „open doors“ – Vertretern seien hierfür beispielhaft genannt. Da wird dann einmal im Jahr gebetet, vielleicht auch etwas gespendet und dann hat man die verfolgten Christen wieder für 364 Tage vom Hals. Auch das inbesondere unter Evangelikalen beliebte „das habe ich nicht auf dem Herzen“ kann ich eigentlich gar nicht mehr hören.

Aber, wo Gottes Geist gegenwärtig ist, besteht auch immer Hoffnung. Und so machte ich mich also nach dem Pfingstgottesdienst in „meiner“ Gemeinde und einem kleinen Spaziergang bei schönem Wetter dann auf zum Brandenburger Tor, um mal zu schauen, wie die versammelte, geistliche „Prominenz“ von EKD, katholischer Kirche, Freikirchen und koptischer Kirche sich des Themas annehmen würden. Eine kleine Bühne war direkt unter dem Tor aufgebaut und die Band „Patchwork“ aus Brandenburg/Havel spielte Blues und Popmusik. Das sorgte für gute Stimmung, auch bei Zufallspassanten, die eigentlich gar nicht wussten, weshalb sich Christen hier versammelten. Und das schon erwähnte, gute Wetter tat das Übrige dazu.

Anba Damian

Anba Damian

Pünktlich um 18.00 Uhr betraten dann auch die vier Vertreter von Freikirchen, EKD, katholischer Kirche und koptischer Kirche die Bühne. In kurzen Ansprachen widmeten sie sich der Verbindung von Pfingsgeschehen und Christenverfolgung. Ich will hier nicht näher auf die Details dieser ebenso nachdenklichen wie nachdenkenswerten Worte eingehen, aber kurz auf die bemerkenswerten Unterschiede zwischen den Darstellungen der Beteiligten hinweisen. Vor allem der Landesbischof der EKBO (Evangelische Kirche Brandenburg schlesische Oberlausitz), Dr. Markus Dröge und der koptische Bischof für Deutschland, Anba Damian, schlugen doch erkennbar unterschiedliche Töne an. Bei aller ökumenischen Eintracht, die vor allem Bischof Damian dankbar und in aller Sanftmut betonte, waren merkliche Differenzen in den Untertönen erkennbar. Während Bischof Dröge anzumerken war, dass ihm die Beschränkung des Pfingst-Mottos auf die Christenverfolgung unangenehm war und er am liebsten auf mangelnde Religionsfreiheit allgemein und „keiner ist illegal“ sowie „wir müssen alle Verfolgten von überall aufnehmen“ als Thema abgewichen wäre, benannte Bischof Damian nach dem „Schuster, bleib bei Deinem Leisten“-Prinzip vor allem die Probleme der koptischen Kirche in klaren Worten.

Auch die Verursacher der Leiden ägyptischer Christen, Muslimbrüder und Salafisten, sparte Bischof Damian in seiner kurzen Ansprache nicht aus. Er bezeichnete die koptische Kirche völlig zu Recht als „Märtyrerkirche“, weil sie bis heute einen Blutzoll zahlt, von dem sich EKD, katholische Kirche und diverse Freikirchen in Deutschland nicht einmal vorstellen können, welche klaffenden Risse, welche traurigen Lücken er in die Gemeinschaft der Gläubigen, in Familien und Gemeinden reisst. Wir haben ja sicher noch alle die schrecklichen Videos der IS vor Augen mit den am libyschen Strand geköpften Kopten. Stellvertretend für alle Kirchen, für alle Christen, die weltweitem Hass ausgesetzt sind, der sich eben in mörderischen Konsequenzen manifestiert, sprach Anba Damian damit einige Worte der Wahrheit in die Nebelwand „schwammiger Worte“ und allgemeingültiger Phrasen hinein, die hierzulande leider noch immer das Gespräch über Christenverfolgung dominiert. Dafür sei ihm von mir an dieser Stelle ausdrücklich gedankt ! Zumal er dabei nie die Grenzen der Höflichkeit und des ökumenischen guten Willens verletzte, wenn er etwa Deutschland ausdrücklich dafür dankte, dass seine Landsleute, die koptischen Ägypter, die hierzulande leben, eine Art der Freiheit leben dürfen, die er sich auch für Ägypten wünscht. Auch die gute Zusammenarbeit im Ökumenischen Rat lobte er ausdrücklich.

Schließlich begann dann, mit den Kirchenvertretern Dr. Markus Dröge, Bischof Anba Damian, Pröpstin Friederike von Kirchbach (ÖRBB-Vorsitzende), Dekan Ulf-Martin Schmidt (altkatholischer Vertreter für die Freikirchen) und Diözesanadministrator Prälat Tobias Przytarski (Erzbistum Berlin, katholische Kirche) an der Spitze, die Pfingstprozession zum Berliner Dom. Ich hatte den Eindruck, dass sich noch während wir auf der Straße „Unter den LInden“ unterwegs waren, weitere Passanten zu uns gesellten. Eine ghanaische Drummer-Gruppe, die schließlich auch im Dom noch für gute Laune sorgte, indem sie uns nachdrücklich darauf hinwies, dass uns Jesus liebt, tat sicher das Ihrige dazu. Ich selbst traf übrigens noch die liebe Schwester Gerda Ehrlich, die schon seit sechs Jahren die „Mahnwache Nordkorea“ leitet und lernte eine ihrer Bekannten kennen, die mir davon erzählte, wie in ihrer Kirchengemeinde in Berlin-Tempelhof auch für verfolgte Christen Fürbitte geleistet wird. Eine ebenso erfreuliche wie unverhoffte Begegnung.

Kam aus der Kuppel des Berliner Doms der Heilige Geist auf uns herab ?

Kam aus der Kuppel des Berliner Doms der Heilige Geist auf uns herab ?

Im Berliner Dom, der zwar Lebenrechtlern jedes Jahr als Ort für einen Abschlussgottesdienst verweigert wird, aber immerhin an Pfingsten 2015 dem Thema „Christenverfolgung“ offenstand, fand dann noch eine „Ökumenische Vesper“ statt, bei der mit Gesang, Gebet und einer kurzen Ansprache sowohl der Ausgießung des Heiligen Geistes und somit dem Kirchengeburtstag gedacht wurde, als auch die Geschwister in Not gewürdigt wurden. Ein koreanischer Kirchenchor erfüllte das Kirchengemäuer mit Gesang und in den abschließenden Fürbitten verwandte sich Bischof Damian wieder für Kirchen in Not und bat auch für eine Änderung in den Herzen der Täter von Christenverfolgungen. Die Kollekte des Abends kam ebenfalls der koptischen Gemeinde Berlin zu Gut, weshalb ich die Reste meiner Brieftasche plünderte, da mir dieses Anliegen sinnvoll erschien.

Was bleibt also als Fazit ? Werden die Kirchen ab jetzt mehr Anteil an den Schicksalen ermordeter Christen in Nigeria oder inhaftierter Pastoren in Indien oder dem Iran nehmen ? Ich gestehe es ehrlich: ich weiß es nicht. Meine Erfahrungen in der Berliner „Christenszene“ der vergangenen Jahre machen mich da eher skeptisch. Allerdings ist die Tatsache, dass der Ökumenische Rat der Kirchen Berlins und Brandenburgs einem Mann wie Bischof Damian, der ja für seine klaren Worte bekannt ist, an einem prominenten Ort (Brandenburger Tor/Berliner Dom) und an einem für die Kirchen existentiellen Feiertag (Pfingsten) eine Bühne geboten haben, lässt doch hoffen. Schließlich musste jedermann klar sein, dass er nicht plötzlich „Kreide fressen“ würde und seine Fürbitten und Aussagen den Erwartungen des Zeitgeistes unterwerfen würde. Wir werden also abwarten müssen, was sich in den Kirchenverbänden Berlins in Zukunft tun wird. Und vor allem werden wir abwarten müssen, ob sich irgendetwas von diesem guten Anfange her in den Gemeinden „an der Basis“ dann niederschlagen wird. Werden wir z. Bsp. ab jetzt Solidaritätsgebete und -sammlungen in Berliner Kirchen für die Opfer islamistischer Gewalt an Kopten, Assyrern oder pakistanischen Christen sehen ?

In diesem Sinne: auch SIE sind aufgefordert, etwas dazu beizutragen, dass diese Frage mit JA beantwortet werden kann !

Ihr

Martin Clemens Kurz

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3 Gedanken zu “„Seht, der Mensch“ – Berliner Pfingstprozession im Namen der verfolgten Christen

  1. Vielen Dank für den schnellen Augenzeugenbericht. Als ob ich selber dabei gewesen wäre. Es hört sich dennoch positiver an als ich gedacht hätte. Weiter so ihr Berliner!
    Herzliche Gruß von einer Norddeutschen

    • Na, vielleicht war ich auch etwas zu optimistisch. In die Köpfe und Herzen des Herrn Bischofs Dröge und des Vertreters der katholischen Kirche konnte ich ja nicht hineinsehen. Das kann nur der Herr selbst. Aber an ihren Handlungen in der Zukunft werden wir sie erkennen können. Da müssen sie dann „Farbe bekennen“, was die Aufmerksamkeit für Christenverfolgungen angeht. Und dann werden sie auch Verantwortung tragen müssen dafür, dass in den Gemeinden „an der Basis“ auch etwas dahingehend passiert, dass man die Augen nicht mehr vor den unangenehmen Fakten verschließt. Sonst war das alles nur wieder altbekanntes Wortgeklingel, das aber keinerlei Substanz hat. Der einzige, bei dem ich wirklich sicher bin, dass er die Augen nicht von den Verhältnissen in Nahost abwendet, ist halt der von mir immer so gelobte Bischof Damian. Auch die Verfolgung der Armenier hat er nicht unerwähnt gelassen, was ich zwar nicht im Text berichtet habe, was aber dennoch ein interessantes Signal sein könnte. Denn in der Praxis, „auf der Straße“ sehe ich immer nur Armenier gegen die Leugnung des Armenier-Genozids demonstrieren, Kopten gegen die Menschenrechtsverletzungen an ihnen in Ägypten und Iraner gegen die Inhaftierung und Folterung iranischer Pastoren. Wenn die jetzt ein Gefühl dafür bekämen, dass die Ablehnung des Evangeliums, dass der (biblisch gesprochen) „Hass“ auf die Gemeinde immer dieselbe Quelle hat, in welcher Form sie sich dann auch immer äußern mag, dann wäre schon sehr, sehr viel erreicht. Eines von vielen „dicken Brettern“, die da so gebohrt werden müssen.

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