„Interkultureller Dialog“ vor der türkischen Botschaft – und ein Überraschungsgast

Berlin hat den Vor- oder Nachteil (je nachdem, wie man das sehen mag), über viele ausländische Vertretungen zu verfügen. Große und kleine Staaten haben hier und dort ihre Botschaften oder Konsulate. Schon seit Kaisers Zeiten besonders beliebt war dabei immer wieder das sog. „Diplomatenviertel“ südlich des Parks „Großer Tiergarten“ an der gleichnamigen Tiergartenstraße. Ein wenig verschlafen liegen dort Botschaften wie etwa die Indiens oder Südafrikas neben Vertretungen der Länder wie etwa Baden-Württembergs. 

Aber der „Schlaf“ dieser Diplomaten wurde heute einmal kurzzeitig unterbrochen, denn es hatte sich ein winziges Grüppchen Menschenrechtsaktivisten angekündigt, um erneut auf den Genozid an den Armeniern, der vor 100 Jahren begonnen hatte, zu erinnern. Und wo könnte man das schöner machen, als vor der Botschaft der Türkei ?

Juhu, ich verbreite "imperialistische Lügen" und hab noch Spass dabei !

Juhu, ich verbreite „imperialistische Lügen“ und hab noch Spass dabei !

Das wussten natürlich auch die notorischen Genozid-Leugner und türkischen Nationalisten, von denen es in der deutschen Hauptstadt wohl fast ebensoviele gibt, wie in Ankara. Offensichtlich hatten sie „Wind“ davon bekommen, dass die „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“ eine kleine Mahnwache dort abhalten wollte und hatten daraufhin ihre „Truppen“ mobilisiert. Mit den unvermeidlichen Kopftuch-Damen im Gefolge und zum großen Teil mit türkischsprachigen Transparenten ausgestattet, hatten diese Vertreter eines etwas anderen Welt- und Menschenbildes bereits gegen 09.30 „Stellung bezogen“, um die türkische Botschaft vor ca. einem Dutzend älterer, armenischer Herrschaften, drei Mitarbeitern der IGfM und mir zu beschützen. Wir waren ja auch so gefährlich, dass diesmal tatsächlich ein ansehnliches Polizeiaufgebot den „Frieden bewahren“ sollte. Zwei Mannschaftswagen und ein Kombi der Berliner Polizei hatten Beamte herangefahren, die auch eifrig und fleißig darauf achteten, dass sie unsere Plakate und Schilder auch ja auf „provozierende und verfassungsfeindliche Symbolik“ durchforschten. Nun, ja, dazu habe ich ja bereits im Artikel über die Mahnwache vor der Botschaft des Iran vom Vortage einiges gesagt.

Ansonsten war die Atmosphäre wie immer, wenn Armenier auf Türken treffen, angespannt. Leider trafen auch die Aktivisten der veranstaltenden IGfM erst mit massiver Verspätung ein, so dass unser gesamter Protest, der auf mindestens eine Stunde angesetzt war, dann deutlich schneller wieder beendet werden musste. Die Leuts mussten schließlich auch mal wieder nach Frankfurt/Main zurück. Immerhin haben wir die „stolzen Türken“ auf der anderen Straßenseite durch unsere bloße Anwesenheit so sehr „provoziert“, dass sie vereinzelte, mit Pressausweisen ausgestattete Mitglieder ihrer Demo dazu abstellten, uns gezielt abzufotografieren und zu filmen. Hurra, Hurra, jetzt stehe ich garantiert auf einer schwarzen Liste des türkischen Außenministeriums. Da ich aber grundsätzlich keinen Urlaub in Christenverfolgerstaaten mache, geht mir das am verlängerten Rücken vorbei. Auch die kurze, mit einem winzigen Megafon gehaltene Rede eines armenischen Vertreters, der noch einmal an die Brutalität der Geschehnisse von 1915 – 1917 erinnerte, wurde von der „anderen Seite“ mit dem Absingen irgendwelcher Nationalistensongs goutiert, die ohnehin niemand verstand. So wie die meisten Parolen, die wir da zu hören bekamen. Ich bemerkte zu einer sichtlich schockierten Armenierin, dass die Genozidleugner doch wenigstens so freundlich sein könnten, uns in der deutschen Hauptstadt auf deutsch zu beschimpfen, aber diesen Gefallen taten sie uns nicht. Ein Mitarbeiter der IGfM schüttelte daraufhin sichtlich schockiert den Kopf, zeigte mit der Hand hinüber und sagte ironisch: „Das ist also, was die unter interkulturellem Dialog verstehen“.

Interessant wurde es, als eine freundliche, junge Passantin bei uns stehenblieb, sich anhörte, wofür wir hier einstanden und dann zu erkennen gab, dass sie die Sprechchöre von der anderen Seite verstand. Deshalb bin ich jetzt darüber informiert, dass ich in den Augen von Turk-Nationalisten und Genozidleugnern wohl „keine Kultur“ habe, „kurze Beine“ habe, weil ich ja ständig lüge (nun das mit den Beinen stimmt, hat aber mit Lügen nix zu tun, sondern mit Genetik: meine Eltern waren auch, analog zu meinem Nachnamen, kurz geraten) und mich vorsehen müsse, denn Türken würden ihr Land „bis zum Tode“ verteidigen. Offensichtlich auch in der Tiergartenstraße in Berlin. Na, war vielleicht doch ganz gut, dass die Polizei aufmerksam war und sich auch von massiven Protesten der Rädelsführer von „gegenüber“ nicht dazu verleiten ließ, unsere „Genozid“-Plakate einzukassieren. Kaum zu glauben, aber wahr: es gibt noch einen Rest Meinungsfreiheit in Deutschland ! 🙂

Glaubt mir, es ist wahr, das sind tatsächlich Naghmeh Abedini und meine Wenigkeit

Glaubt mir, es ist wahr, das sind tatsächlich Naghmeh Abedini und meine Wenigkeit

Mein persönliches highlight dieses Tages war aber die Tatsache, dass Frau Naghmeh Abedini, die Gattin des im Iran wegen UNSERES Glaubens an Christus inhaftierten amerikanisch-iranischen Pastors Said Abedini überraschend auftauchte und sich unserem Protest gegen die Genozid-Leugner-Haltung der Türkei (und damit auch indirekt gegen die Rückgratlosigkeit des Deutschen Bundestages, der die Ereignisse im Osmanischen Reich damals bis heute nicht „Völkermord“ nennen mag. Interessant, dass sogar Liechtenstein sich dazu durchgerungen hat…) anschloss. Sie war in den letzten Tagen auf einer „Europa-Runde“, wo sie mit Menschenrechtsorganisationen und Politikern gemeinsam noch einmal auf das Recht auf Religionsfreiheit auch im Iran pochte, wo es dahingehend bekanntermaßen eher weniger rosig aussieht. Ich bekam also doch noch die Gelegenheit, ein kurzes Gespräch mit ihr zu führen und ihr einen Segen für ihren eingekerkerten Mann, ihre Kinder, sie selbst und alle Angehörigen mit auf den Weg in die Heimat mitzugeben. Auch versprach ich ihr, dass in Deutschland weiterhin Christen für ihren Mann beten würden. Also, bitte lasst mich jetzt nicht hängen und straft mich einen Lügner, liebe christliche Leserinnen und Leser ! Behaltet die Abedinis doch bitte, bitte weiter in euren Gebeten ! Frau Abedini hat ausdrücklich betont, wie wichtig diese Gebetsunterstützung für sie sei !

Was nimmt man aus solch einer Sache für sich mit ? Schwer zu sagen. Auffällig ist es vor allem, dass Christen hierzulande offensichtlich alle ihre klar überschaubaren, aber dennoch eingrenzenden „Steckenpferde“ reiten. Die Fragmentierung der christlichen Gemeinschaft (zumindest was meine Stadt betrifft) hat leider zur Folge, dass Aktionen gegen Christenverfolgung ganz allgemein immer weniger durchschlagend sind, als sie sein könnten. Wenn es um das Schicksal eines iranisch-amerikanischen Pastors geht, raffen sich die christlichen Exil-Iraner in Berlin gerne mal auf, um lautstark dessen Freilassung zu fordern. Für armenische Geschwister im Glauben setzen sie sich dann aber nicht ein, denn heute habe ich keinen Teilnehmer der Kundgebung von gestern wiedererkannt, der nicht der IGfM angehört hätte. Umgekehrt gilt übrigens das Gleiche: Armenier demonstrieren nicht mit und für Iraner, Kopten wollen mit beiden möglichst nix zu tun haben und Deutsche sieht man auf derartigen Veranstaltungen dann auch nur spärlich. Eigentlich ein Trauerspiel, dass aber nur schwer auflösbar zu sein scheint. Wenn schon armenische „Urchristen“ auf Konvertiten wie den schon erwähnten Said Abedini hinabschauen, wie mir eine Dame heute unmissverständlich klarmachte…

In diesem Sinne: seien doch wir, die wachen und aufmerksamen Christen der „Klebstoff“, der Kopten, Iraner, Armenier, Assyrer usw. zusammenhält, wenn es um ein gutes Anliegen geht. Naiv ? Na, klar, aber mein Taufpastor sagte mal zu mir: „mit Gott sind alle Dinge möglich“.

In diesem Sinne treffen wir uns vielleicht bald wieder.

Ihr

Martin Clemens Kurz

Advertisements

3 Gedanken zu “„Interkultureller Dialog“ vor der türkischen Botschaft – und ein Überraschungsgast

  1. Vielen Dank für diesen flüssig geschriebenen und sehr aufschlussreichen Bericht. Danach scheint es fast ein deutsches Privileg zu sein, Schuld der Vergangenheit nicht ableugnen zu können – und also buß-fertig sein zu müssen, nein zu dürfen. Andere Staaten müssen immer noch auf die sehr brüchigen Fundamente ihres Nationalismus oder Helden-Stolzes bauen (z.B. Russland) und sind darum wütig bis blind, wenn man
    sie mit einer anderen Seite der Wahrheit konfrontiert. Nur gut, dass es so friedlich ausgegangen ist.
    Ihre Vision mit dem Klebstoff halte ich für sehr bedenkenswert. Aus einer Haltung des Stolzes kann man niemandem dienen, nur großes Unheil anrichten. Aber aus einer Haltung des Dienens heraus kann man vielleicht wirklich Menschen mit ganz unterschiedlichen Identitäten zusammen vernetzen, so dass da nicht mehr ist Grieche noch Heide, Mann noch Frau ist… Könnte es sein, dass Sie damit auch Ihre eigene Berufung beschrieben haben?

  2. Lieber Bruder Kurz,
    gestatte mir diese Anrede-ich glaube mit Deinen letzten Zeilen „bist Du zu kurz gesprungen“.Inzwischen wird auch in den „kleinen Kirchen“ in Gebetskreisen für verfolgte Christen gebetet.“Daran soll die Welt erkennen,daß ihr meine Jünger seid,daß ihr euch untereinander liebet…….“Über Konfessionsgrenzen hinweg sind wir im täglichen Gebet mit unseren verfolgten Brüdern und Schwestern durch den heilgen Geist verbunden.Natürlich sind es nicht viele und es könnten mehr sein,aber ich freu mich,das ich neben der HMK,Open doors jetzt auch den Berliner Gebetskreis“verfolgte Kirche“-E u c h gefunden habe und irgendwann sehen wir uns auch persönlich.

    • Lieber Bruder Spremberg,
      vielen Dank für deine Zeilen. Ich „springe“ schon seit einigen Jahren in Berlin durch die Christenszene herum und wenn du mir Gemeinden, oder noch lieber über-gemeindliche Initiativen nennen kannst, wo REGELMÄSSIG, ZUVERLÄSSIG und AUSSCHLIESSLICH für verfolgte Christen gebetet wird, freue ich mich sehr. Ich bin in froher Erwartung der umfangreichen Liste, die du mir bald wirst zukommen lassen und habe schon im Voraus dem Herrn dafür gedankt.
      In Demut und Dankbarkeit
      Martin Clemens Kurz
      P.S.: Wie schade, dass du mir (da wir uns ja scheinbar nicht persönlich kennen) als erste Kontaktaufnahme einen Vorwurf des „zu kurz springen“ schickst. Da ich von meinem Taufpastor gelernt habe, unkonstruktive Menschen, die mich ausschließlich zu ihrer eigenen Selbsterhöhung kritisieren wollen, zu meiden (auch in christlichen Kreisen), erwarte ich tatsächlich diese Liste von dir. Ansonsten macht dein Kommentar nämlich keinerlei Sinn. Gott befohlen, :-).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s