Ägypten: Situation der Christen weiterhin fragil

Christen in vom Islam kulturell geprägten Ländern haben generell einen schweren Stand. Als „Ungläubige“, die höchstens geduldet, schlimmstenfalls aber offensiv „bekehrt“ und im Falle der Ablehnung der Lehren Mohammeds nicht selten vertrieben oder getötet werden, ist ihre juristische, materielle und sonstige konkrete Lebens-Situation oftmals hochproblematisch. Ihre Freiheit, ihre Bürgerrechte und nicht selten auch ihr Überleben hängt weitgehend vom Wohlwollen ihrer muslimischen Mitbürger ab, nicht von einklagbaren verfassungsmäßigen Grundrechten. Dies gilt ebenfalls für die koptischen und andere Christen in Ägypten.

Ägypten

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So ist es oftmals im Leben. Es gibt die „offizielle Politik“, die auf Papier festgehaltenen Rechte und Pflichten von Staatsbürgern. Verfassungen, Rechtssysteme, Reden und Initiativen von „Staatsmännern“ ( und -frauen) und vieles mehr sollen Menschenrechte wie Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit, die Freiheit des individuellen, künstlerischen Ausdrucks oder die Freiheit des Gewissens sicherstellen.

In der Realität sieht das Leben der „einfachen Bürger“ vieler Staaten, in denen blumige Reden über „Freiheit“ und „Toleranz“ gehalten werden, jedoch anders aus. Dies gilt für sämtliche Kulturkreise und geographischen Regionen dieses Planeten. Und deshalb gilt es ebenso für die islamische Welt, zu der auch Ägypten gehört. Nun haben sicher alle aufmerksamen Beobachter des Zeitgeschehens die letzten Jahre des nordafrikanischen Landes bewusst wahrgenommen. Der „Arabische Frühling“, von freiheitlichen Intellektuellen u. a. in Tunesien, aber auch Ägypten losgetreten, wurde praktisch unmittelbar nach den ersten „Zuckungen“ des Widerstandes gegen die alteingesessenen Patriarchen (Ben-Ali, Gaddhafi, Mubarak…) von Islamisten wie den Muslimbrüdern gekapert und in einen Horrortrip verwandelt. Wir erinnern uns nur allzu ungern an die diversen Brandstiftungen an Kirchen und vor allem an das Massaker vom Masbiro-Platz in Kairo, wo sogar das Militär sich zu schrecklichen Dingen hinreissen ließ. Die Bilder der Panzer, die vorwärts und rückwärts über gestürzte Körper von jungen, koptischen Demonstranten fahren, werde ich persönlich, so Gott will, nie wieder aus meinem Gedächtnis bekommen. Die Reaktionen auf diese Untaten waren und sind übrigens weltweit und auch in Deutschland eher dezent ausgefallen, so es überhaupt welche gab.

Nachdem die Muslimbrüder die nächsten Wahlen gewonnen hatten (natürlich nicht ohne massive Stimmenkäufe mit „Geld vom Golf“) wurde die Situation für religiöse Minderheiten wie die Kopten langsam aber sicher schlimmer. Die ohnehin im Alltag bereits durch diverse Maßnahmen wie die Einträge der religiösen Überzeugung in die Personaldokumente diskriminierten Christen mussten einen Anstieg der gewaltsamen Anschläge auf Klöster, Kirchen und von Christen bewohnte Stadtviertel konstatieren. Auch dies weitgehend unter Ausschluss der scheinbar noch immer von der „Yasmin-Revolution“ geblendeten und deshalb an den Kopten vollkommen desinteressierten Weltöffentlichkeit. Mahner-Rufe wie die von diversen, koptischen Bischöfen wie etwa dem unermüdlichen Anba Damien, Oberhirte aller Kopten in Deutschland, wurden (und werden) nur allzugerne überhört.

Auf der Halbinsel Sinai und im ägyptischen Süden (, der nicht ganz zufällig an den vom mit internationalem Haftbefehl gesuchten Diktator Omar al-Baschir regierten Sudan grenzt) begannen sich anarchische Zustände abzuzeichnen. Komplett rechtsfreie Räume entstanden, in die natürlich diverse Gangsterbanden und Terroristen einzudringen versuchten. Daraufhin erhoben sich die „alten Eliten“ Ägyptens, die zwar hochkorrupten, aber eben aus wirtschaftlichen Gründen an einer gewissen Stabilität im Lande interessierten Kreise der alten Mubarrak-Clique und fokussierten sich darauf, den Armee-General Abd al-Fattah as-Sisi als „starken Mann“ im Lande zu installieren. In schnell ausgerufenen Neuwahlen wurde er zu Präsident as-Sisi gewählt. Immerhin war er sich nicht dafür zu schade, einige interessante Akzente zu setzen. So ist Präsident as-Sisi, den nicht wenige, „westliche“ Intellektuelle für einen Putschisten halten, recht offensichtlich an einem einigermaßen guten Verhältnis zur koptischen Minderheit interessiert. Er hat mehrere, positive Signale in dieser Richtung gesetzt. Besuche beim koptischen Papst Tawadros II. und die Erlaubnis, von Islamisten und ihren Anhängern abgefackelte Kirchen wiederaufbauen zu dürfen deuten in diese Richtung. Auch seine mehr oder minder an die islamischen Autoritäten der Al-Azhar-Universität gerichteten Wünsche, die Aussagen ihrer „Fatwen“ mögen doch eher sozial integrativ, statt ausgrenzend wirksam sein, könnte als positives Zeichen interpretiert werden.

Was solche Gesten allerdings im Alltag, in der gelebten Realität wert sind, zeigen diverse Nachrichten darüber, dass etwa die Wiederaufbau-Arbeiten für geschändete Kirchen massiv von lokalen, den Muslimbrüdern oder gar noch radikaleren Kräften nahestehenden Autoritäten behindert bzw. VER-hindert werden, oder dass es weiterhin Überfälle und Plünderungen christlicher Dörfer und Stadtteile diverser Gemeinden gibt. An der „Basis“ hat sich also seit dem kurzen Regime der Islamisten nicht viel, praktisch gar nichts geändert. Ein aktuelles Beispiel dafür soll dies belegen. Da ich weiß, dass einige meiner Leser sich mit den grausamen Misshandlungen von Christen, die ich in der Vergangenheit hier im Blog beschrieben habe, schwer tun, habe ich einen relativ harmlosen Fall von Diskriminierung ausgewählt, um ihn hier kurz vorzustellen.

Im Verwaltungsbezirk Minya haben vor einiger Zeit fünf koptische Jugendliche einen ca. 30-sekündigen Videoclip aufgenommen, in dem sie sich über den IS lustig machen. Während eines Ausfluges mit ihrem Lehrer Gad Younan, 42, haben die 15 und 16 Jahre alten Jugendlichen auf dessen Smartphone in ihrem Hotelzimmer eine Aufnahme angefertigt, in dem sie vermeintlich die Köpfungsrituale des IS persiflieren sollen, wie „Fox-News“ berichtet, dem der Clip vorliegt. Wir erinnern uns, die barbarischen Terroristen des IS und ihre Kooperationspartner in aller Welt köpfen gerne „Ungläubige“ wie Sie und mich und machen dank der modernen Technik auch gerne mal Propagandavideos, in denen sie mit detailliert dargestellten Köpfungen für weitere Massaker werben und die „Eroberung Roms“ ankündigen. Genau über diese Praktiken machen sich offensichtlich die Teenager lustig. Vielleicht weil mindestens 20 der 21 Opfer des Anfang 2015 verbreiteten IS-Köpfungsvideos aus ihrem Distrikt al-Minya stammen sollen. Ob diese Handlungen nun geschmackvoll sind, sei hier einmal dahingestellt, aber in jedem Falle wäre es noch kein Anlass für Aufregung, wenn nicht der Videoclip in „falsche Hände“ geraten wäre.

Wie genau das geschehen ist, darüber gehen die Berichte auseinander. Ob dem Lehrer die Speicherkarte entwendet wurde oder dieser den Clip unüberlegt auf Facebook gepostet hatte, ist noch unklar. In jedem Falle geriet die Nachbarschaft in der Gemeinde Al-Nasriyah über den angeblichen Akt der „Blasphemie“ in Aufruhr und es wurde Anfang April Anzeige gegen 4 von 5 der beteiligten Jugendlichen und gegen ihren Lehrer gestellt. Diese wurden auch inhaftiert und sollen bereits seit Wochen „gesiebte Luft“ atmen. Es gibt im ägyptischen Strafrecht den Artikel 98, Abschnitt (f), der die „Beleidigung einer himmlischen Religion“ unter Strafe stellt. Da im Kontext natürlich nur der Islam als „himmlische Offenbarung“ gilt, stellt diese Vorschrift also eine Art „Blasphemieparagraphen“ dar, wie er auch aus dem pakistanischen Rechtskodex her schon bekannt ist. Den vier Jugendlichen droht nun also bis zu fünf Jahren Jugendarrest und falls der Lehrer als Beteiligter angesehen wird, ist das Strafmaß sogar „offen“. Was wäre wohl passiert, wenn ägyptische Muslime ein Video gedreht hätten, auf dem der Papst im Kettenhemd tanzt oder so ? Richtig, wie zu erwarten, gar nichts. Kritik am IS gilt aber vielen, „einfachen“ Ägyptern offensichtlich als „unislamisch“ und „islamfeindlich“. Ganz unabhängig davon, wie diese Rechtssache am Ende ausgehen wird, zeigt sich hier doch, dass die in unseren Medien so gerne gezogene Grenze zwischen „gewalttätigem Islamismus“ und „friedfertigem Islam“ vor Ort so nicht existiert und gar nicht oder nicht von jedermann als solche wahrgenommen wird.

Wir sehen also, dass das Veröffentlichen von Videos, in denen Kopten geköpft werden, durch dem IS nahestehende Gruppen in Nordafrika weitgehend achselzuckend als „normal“ angesehen wird. Wenn jedoch Jugendliche sich über diese Akte der Barbarei lustig machen, ist das eine „Beleidigung des Islam“. Dürfen wir „Kuffar“, wir Ungläubigen hier im Westen also davon ausgehen, dass die Anklagebehörden in Ägypten die Taten des IS für islamisch halten, was ja die Islamverbände hierzulande immer verneinen ? Nun, wir werden sehen. Vielleicht ist das „neue Ägypten“ des Generals as-Sisi ja tatsächlich so eine Art Rechtsstaat, wo auch Minderheiten nicht mehr einfach willkürlich angegangen werden können. Wir werden sehen.

(Quelle: „Fox-News“ vom 09. Mai 2015)

P.S.: Die genauen Umstände, unter denen die Jugendlichen schließlich an die Polizei übergeben wurden und das Klima, in welchem fanatisierte, islamische Mobs Christen in Ägypten zu allen möglichen Zugeständnissen zwingen können, berichtet der oben verlinkte Artikel von Fox-News. Wer also etwas mehr Hintergrund haben möchte…(Artikel in Englisch)

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