Oster-Nachtrag: „fallout“ aus Amerika

Ostern 2015 ist vorbei. Wir haben wieder allen Ritualen gefrönt, die für jeden Christen etwas unterschiedlich ausfallen mögen. Der eine lehnt z. Bsp. den „Osterhasen“ als lächerlich und unbiblisch ab, der andere zuckt die Schultern und beißt herzhaft in das Schokoladen-Häschen. Manch ein Prediger und geistlicher Leiter aber sieht mehr als nur die große Familienfreundlichkeit des Osterfestes. So kann man etwa den Worten der Osterbotschaft von Franklin Graham eine große Durchschlagskraft gerade in unserem Wohlstands-Christen-Umfeld nicht ganz absprechen.

Ja, auch ich erliege altersbedingt immer öfter der Versuchung der Genügsamkeit. Falsches Harmoniebedürfnis lässt mich gerade in den Kirchengemeinden, die ich ab und an besuche, allzuoft schweigen. Es ist gerade an den höchsten Feiertagen der Christenheit nur allzu „normal“ geworden, sich gemütlich zurückzulehnen, die Freunde und Verwandten zu besuchen, Schokohasen auszustauschen und vielleicht noch eine herzerwärmende Predigt in der Kirchengemeinde unserer Wahl abholen zu gehen. (Selbst-) Zufriedenheit aller Orten. Ich selbst betrat z. Bsp. am vergangenen Osterfest erst zum zweiten Male eine Gemeinde, die mir von Freunden empfohlen worden war und war über die Selbstverständlichkeit und Routine der Abläufe überrascht. Zwar war das Thema der Predigt natürlich im Kern die Auferstehung, aber ansonsten lief der Gottesdienst wohl so souverän und reibungslos wie immer ab. Hätte ich nicht gewusst, dass es der Ostersonntag ist, hätte ich es wohl kaum bemerkt. Höchstens an der dezenten Dekoration, bei der auch der „Hase“ nicht fehlte. Auch die sehr erfreuliche Wiederbegegnung mit einer meiner Taufschwestern aus meiner „alten“ Gemeinde konnte eine gewisse Desorientierung meinerseits nicht völlig abfedern. Immerhin hörte sie sich im Nachklang des Gottesdienstes knapp meinen Vortrag zum Thema „Verfolgung“ an, aber bevor ich zu dem Punkt kommen konnte, an dem ich die Relevanz des Themas für Gemeinden, Kirchenverbände aber eben auch für jeden einzelnen Christen und sein Gewissen hätte erläutern oder argumentativ unterfüttern können, bekam ich bereits das altbekannte „nun, weißt du, das liegt mir eigentlich nicht auf dem Herzen“ zu hören. Das ist die euphemistische „lass mich mit dem Mist in Ruhe“-Variante unter Evangelikalen. „Da beten sicher irgendwann, irgendwo auch Leute hier in der Gemeinde dafür.“ wurde mir mitgeteilt. Nur wann und wo und wer da wohl betet, konnte oder wollte sie mir nicht mitteilen. Ich muss wohl auch nicht weiter erwähnen, dass die verfolgten Christen im zuvor besuchten Gottesdienst kein Thema waren. Immerhin durfte für Kenia gebetet werden…

Franklin Graham

Franklin Graham

Wenn ich meine „Ostererfahrung“ also mal auf den Kern herunterbrechen sollte: selbst in dieser als „bibelfest“ verschrieenen Gemeinde ist Christenverfolgung ein „na, dafür haben wir eigentlich keine Zeit, das überlassen wir besser den Spezialisten von open doors“ – Angelegenheit. Es geht aber auch anders, wie der Vorsitzende des christlichen Katastrophen-Hilfswerks „Samaritan´s purse“, der bekannte Prediger Franklin Graham, in seiner Osterbotschaft unter Beweis stellte. Allen in der „Christenszene“ erfahrenen Lesern muss ich wohl nicht weiter erläutern, wer Franklin Graham ist. Allen anderen sei kurz mitgeteilt, dass Franklin Graham der Sohn des weltbekannten Evangelisten Billy Graham ist. Ausgerechnet der Sohn, der in seiner Jugend als das „schwarze Schaf“ der Familie galt und erst spät seine Berufung in den Dienst erhielt. Aber das ist eine andere Geschichte. Interessant ist vor allem, dass Franklin Graham seit Jahrzehnten die Geschicke der Nothilfe-Organisation „Samaritan´s Purse“ leitet, die hierzulande vor allem für ihre Unterstützung der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt ist. Ursprünglich war Samaritan´s Purse aber eine reine Soforthilfe-Truppe, die vor allem in Kriegsgebieten und nach Naturkatastrophen versuchte, so schnell und tatsächlich unbürokratisch wie möglich den betroffenen Menschen zu helfen. Mit wirklich benötigten Hilfsgütern, die auf teils abenteuerlichen Wegen direkt in die „Impact-Zones“ gebracht wurden. Wobei ihre Spezialität darin lag und liegt, sich sofort wieder zurückzuziehen, wenn die „üblichen Verdächtigen“ ihre Arbeit wieder aufnehmen können (staatliche Stellen, IRK etc.). Aber auch dies ist eine andere Geschichte.

Mr. Graham wurde im Zuge dieser Tätigkeit aber auch immer öfter zu Vorträgen und schließlich ebenso zu Predigten eingeladen. Im Laufe der Zeit entwickelt er sich so auch zu einem ebenso gefragten und beliebten, wie auch umstrittenen Prediger. Umstritten deshalb, weil er die Dinge beim Namen zu nennen pflegt und anders als viele andere geistliche Leiter, Prediger, Evangelisten etc. dabei die Klarheit seiner Botschaft nicht von diplomatischen oder zeitgeistigen Rücksichten vernebeln lässt. Ähnlich wie der ehemalige Vorsitzende von „open doors USA“, Carl Moeller, ist auch Graham immer bereit, den Kirchen, die nicht über ihren engen Tellerrand hinausgucken können oder wollen, die „Leviten zu lesen“. In dieser Hinsicht ist es auch nicht verwunderlich, dass Graham zu Ostern 2015 in seiner Osterbotschaft explizit auf die verfolgten Christen Bezug nimmt und z. Bsp. den Fall Said Abedini namentlich erwähnt. (Said´s Ehefrau wird am 25. Mai 2015 zu einer Mahnwache gegen Christenverfolgung vor der iranischen Botschaft in der Berlin erwartet.) Er wies in seinem Ostergruß darauf hin, dass unzählige Christen auf diesem Planeten eben nur unter massiven Einschränkungen ihrer Freiheiten bzw. unter lebensbedrohlichen Umständen das Osterfest begehen können, wenn überhaupt. Er benennt deutlich die Gefahren bzw. die Gruppen, die den Christen das Leben zur Hölle auf Erden machen. So erwähnt er die ISIS, die seit Jahren barbarische Akte auch und vor allem gegen Christen und Jesiden verübt und spricht auch den Terror der Al-Shabaab-Milizen in Kenia an. Welcher prominente, deutschsprachige Kanzelprediger hat dies etwa zu Ostern 2015 getan ?

Aber auch die „hässlichen“, antichristlichen Tendenzen in seinem Heimatland, den USA, geißelt Franklin Graham in selten gesehener Deutlichkeit. In der Sichtweise, dass Christenverfolgung auch immer bestimmte Vorstufen wie das „Verächtlich-Machen, Ausgrenzen, Diffamieren und Kriminalisieren“ von Christen voraussetzt, benennt er Evangeliums-feindliche Tendenzen in den USA als gefährlich und warnt vor dem Verlust der religiösen Toleranz gegenüber Christen. Wer auch die Zustände in unserem Land über einen längeren Zeitraum beobachtet hat und die Verschiebungen von Tendenzen und Wertigkeiten einzuschätzen weiß, sieht hier übrigens auffallende Parallelen zu den Verhältnissen in Deutschland. Auch hierzulande haben bereits einige Theologen wie etwa Ron Kubsch darauf hingewiesen, dass die „Zeiten härter werden“ für überzeugte Christen und sie immer öfter auch mit irrationalen Vorurteilen bis hin zu offenem Hass konfrontiert werden. Vorstufen kommender Diskriminierungen und am Horizont aufflackernder Verfolgung oder nur ein Wehen des Zeitgeistes, das auch schnell wieder anders herum gehen kann ? Nun, wir und unsere Nachkommen werden es erleben. Man kann natürlich auch auf den Zeitgeist-Zug aufspringen und sein geistliches Mäntelchen in den Wind hängen, um ganz sicher nicht anzuecken…

In jedem Falle freue ich mich immer über klare Worte, die auf einer klaren Sicht auf die Welt, vor allem aus bibelorientierter Perspektive, erwachsen. Natürlich ist eine Stimme wie die Franklin Grahams hierzulande undenkbar (wenn ein Pastor in Bremen nach der Bibel predigt, wird sich sofort ein Landesparlament einmischen und seine „Brüder und Schwestern“ von der EKD werden ihn beschimpfen und umzuerziehen versuchen, muss ich noch mehr sagen ?), weil Kirchenleute kaum noch Rückgrat haben, aber auch in den USA sind wertkonservative Stimmen wie diese längst eine Minderheit, darüber mache man sich keine Illusionen. Schon vor Jahren etwa gab es eine Umfrage von „open doors USA“, in der klargestellt wurde, dass etwa die Hälfte aller Pastoren in den USA Themen wie die Christenverfolgung und ihre Ursachen nicht einmal mit der Kneifzange anzupacken wagen. Ebenso wird die zunehmende Dechristianisierung des öffentlichen Raumes in den USA von vielen Kirchenleuten beklagt. Diese Tendenz hat vor allem unter de Obama – Administration massiv an Schwung gewonnen, wie wir hier im Blog auch schon mehrfach thematisiert haben (siehe unsere USA-Rubrik). Was können wir nun also aus Franklin Grahams Osterbotschaft lernen ?

Rückgrat zeigen, Themen, die einem auf dem christlichen Gewissen brennen, ansprechen, auch wenn man dann als „schwierig, hartnäckig, rechtslastig oder unverbesserlich“ gilt. Auch Dr. Luther musste dereinst seine Thesen verteidigen, seine Sicht auf Bibel und Welt darstellen und wurde angefeindet. Vom Apostel Paulus oder diversen Kirchenvätern fange ich gar nicht erst an, die Widerstände bis hin zum Märtyrertod ertragen mussten. Nicht immer sind diejenigen, die Sachverhalte klar beim Namen nennen und sich unbeliebt machen, also ein Hindernis in der Kirchenentwicklung, sondern historisch betrachtet sind es zumeist die Allzuangepassten, die echtem Fortschritt im Wege stehen. Die „Deutschen Christen“ lassen in dieser Hinsicht grüßen.

In diesem Sinne, seien wir unbequem

ihr

Martin Clemens Kurz

(Quelle: „Christian Post“ vom 06. April 2015)

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