„Vater, vergib ihnen…“ denn sie wissen ganz sicher nicht, was sie tun.

Mal wieder ein Kommentar in eigener Sache. Eine Reflektion sozusagen. Basierend auf meinen persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen. Da muss niemand „Hurra“ schreien drüber oder mir allumfänglich zustimmen, aber natürlich interessieren mich immer die Erfahrungen aus anderen Regionen und die Erfahrungen anderer Christen. Aber lesen Sie selbst:

Gebetskreis_Pur2Sehen, Sie, liebe Leser, schon seit ich vor ca. 5 Jahren damit begann, mich etwas ernsthafter mit dem Thema der weltweiten, sich immer mehr verstärkenden Welle der Christenverfolgung zu beschäftigen, beschlich mich schon damals ein noch etwas diffuser Eindruck, dass man mit dem Bestehen darauf, dass doch auch bitte in den Berliner Gemeinden auf dieses Thema aufmerksam gemacht werden sollte, auf flexiblen, weichen, aber dennoch eiskalten Widerstand trifft. Alleine der Wunsch, dass doch auch Berliner Christen regelmäßig für verfolgte Geschwister beten und sich über deren Schicksal informieren mögen, weckte damals und weckt bis heute bei vielen Laien, den meisten „Hirten“ und sonstigen Funktionsträgern Misstrauen und Widerstände. Ich weiß, dass dies nicht in allen deutschen „Kirchenprovinzen“ der Fall ist und vielleicht gerade deshalb bin ich sehr enttäuscht und durchaus auch traurig über die Ignoranz in Berlin.

Ich will die Lage ja gar nicht überdramatisieren. Natürlich sind vor allem nahöstlich-orthodoxe, evangelikale und eher konservativ geprägte katholische Gemeinden durchaus mit Aspekten der Christenverfolgung befasst. Vor allem bei syrisch-orthodoxen oder koptischen Christen muss man sicher keine Türen mit diesem Thema einrennen. Die haben die „Märtyrer-DNA“ ganz tief in ihren Kirchen, in ihrer Form des Glaubens verankert und ihre Türen sind weit offen für die Beschäftigung mit der andauernden Verfolgung. Auch hier in Deutschland, auch in Berlin. Aber, darüber machen wir uns ebenfalls nichts vor, trotz vorbildlicher Persönlichkeiten wie Schwester Hatune Dogan, der syrisch-orthodoxen Nonne oder Anba Damian von der koptischen Kirche sind die Orthodoxen einfach zu wenige hierzulande. Ihre Anliegen, die ihrer „Diaspora“-Gemeinden in Deutschland, auch hier in der Hauptstadt, sind eine „quantité negligeable“ aus der Sicht von Mehrheitskirchen, Medien und verweltlichtem, öffentlichen Diskurs, der leider auch allzuoft auf die Kirchengemeinden Einfluss hat. Wenn etwa in Berlin Kopten anlässlich diverser Massaker an ihren Geschwistern in Ägypten, Libyen oder sonstwo auf diesem Planeten Kundgebungen abhalten, wenn sie Forderungen an die Politik, Medien oder ihre Mitchristen stellen, dann hat es in dieser Stadt leider schon eine lausige Tradition, dass die „deutschen“ Kirchen, dass EKD, katholische Kirche oder die erstarkende, evangelikal-freikirchliche Szene sich einen feuchten Windhauch darum scheren. Vereinzelte Ausnahmen fühlen sich jetzt bitte nicht angesprochen ! Sie sollen gesegnet sein, aber sie machen eben noch keinen Trend ! (Einfügung: bei diversen koptischen Protest-Märschen, an denen ich persönlich teilnahm, traf ich KEINEN EINZIGEN, offiziellen Vertreter der Landes- oder Freikirchen und nur etwa eine handvoll deutschstämmiger Christen diverser, geistlicher Hintergründe bzw. Traditionen, die keine persönliche Verbindung mit orthodoxen Gemeinden aufwiesen. Ein Trauerspiel.)

Die Masse aller Berliner Kirchengemeinden hat ja auch tatsächlich viel anderes um die Ohren. Die einen haben mit Austritten und Mitgliederschwund, finanziellen Problemen und vermeintlichem Bedeutungsverlust im gesellschaftlichen Diskurs zu kämpfen. Andere haben mit Themen wie Sozialarbeit, Gerechtigkeit, Flüchtlingsarbeit, Frauenthemen, Genderkirche mit Unisex-Toiletten, Bewahrung der Schöpfung, Friedensgebeten o. ä. ihre Potentiale vollkommen ausgeschöpft. Dagegen möchte ich auch gar nichts einwenden, denn ich nehme für mich ja auch in Anspruch, dass dem Anliegen meines Herzens in den Kirchen Genüge getan werde. (Ein Anliegen, von dem ich überzeugt bin, dass ER es mir aufs Herz legt, aber das ist eine andere Geschichte.) Allerdings sehe ich die Dringlichkeit der Beschäftigung mit dem geistlichen, weltlichen, religiösen und politischen Kontext der Christenverfolgung als wesentlich für die Zukunft des Christentums als solchem an. Über Themen wie gendergerechte Bibelsprache oder „war Jesus eigentlich eine Frau?“ kann ich das nicht mit Sicherheit sagen. Anders gesagt: Wenn wir auf Länder wie Kenia, Nigeria oder gar Pakistan schauen, könnten wir sehr wohl auch in die Zukunft der Kirchen im (noch) freien Teil der Welt sehen.

Und in diesem Kontext fragen uns die Leichen der Märtyrer in Syrien, dem Irak, Ägypten, Nigeria, Pakistan, Tansania, Somalia, etc. immer wieder: wofür wärt ihr, ihr Christen in Europa, Amerika, Australien etc. bereit, zu sterben ? Eine unangenehme Frage, vor der sich die oben angesprochenen Hirten, Laien und kirchlichen Funktionsträger nur allzugerne herumdrücken. Wären wir z. Bsp. bereit, an unserem Glauben festzuhalten, selbst wenn man uns nicht nur das metaphorische, sondern ein wirkliches Messer an die Kehle setzte ? In diesem Zusammenhang habe ich bei vielen innerkirchlichen Verantwortungsträgern, die bereits bei der Möglichkeit, von den notorisch Evangeliums-feindlichen Medien etwas härter angegangen zu werden, bereit sind, kontroverse Themen fallenzulassen oder sich dem Druck der veröffentlichten Meinung zu beugen, ganz gleich, was die Bibel sagen mag, meine massiven Zweifel. (Olaf Latzel in Bremen sei hier ausdrücklich ausgenommen.) Anders gesagt: Luther rotiert schon vor dem 500-jährigen Reformationsjubiläum 1517 im Grabe angesichts der Feigheit in „seiner“, aber auch in vielen anderen Kirchen. Die Katholiken unter Ihnen, liebe Leser, mögen vielleicht den Kirchenvater Augustinus vor Augen haben, der auch vor den Vandalen nicht klein beigab. DEN ECHTEN VANDALEN ! Augustinus oder Luther, das macht in diesem Kontext ausnahmsweise mal keinen Unterschied.

Und vor diesem kirchengeschichtlichen Hintergrund voller „charakterstarker“, „glaubensfester“ und, ich gebe es zu, oftmals skurriler Männer und Frauen (die anderen 58 Geschlechter der Gender-Fans in den Kirchen lasse ich mal außen vor) sind wir in Berlin nicht einmal bereit, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Nämlich der, dass Nachfolge Christi eine lebensgefährliche Sache sein kann. Oftmals vielleicht sogar sein muß. Deshalb wird in keiner mir bekannten Gemeinde der Stadt regelmäßig für verfolgte Christen gebetet, weil das uns an diese unangenehme Wahrheit erinnern könnte. Da bleiben wir doch lieber in der kirchlichen Wagenburg, der gemütlichen „Tee-und-Kuchen-Komfortzone“. Deshalb habe ich auf meine diversen Anfragen, was in den Gemeinden meiner christlichen Freunde und Bekannten denn z. Bsp. am „Weltgebetstag für die verfolgten Christen“ unternommen wird, der jährlich im November von der Weltweiten Evangelischen Allianz ausgerufen wird, noch nie Antworten bekommen. Deshalb sind selbst evangelikale, als sehr bibeltreu geltende Gemeinden in Berlin nicht gewillt, mehr als das routinierte „Pflichtprogramm“ in Bezug auf die Christenverfolgung abzuwickeln: dieses besteht zumeist darin, ca. einmal im Jahr einen Referenten von „open doors“ (wahlweise auch von einer anderen Organisation) einzuladen, für dessen Anliegen darauf eine Sammlung abzuhalten und dann 364 Tage lang die ganze Thematik wieder zu verdrängen. Man überlässt die Beschäftigung mit den unappetitlichen Details lieber diesen Menschenrechts-Fachleuten und käme nicht für eine Sekunde auf die Idee, dass mit den Attacken auf Gläubige etwa in Indonesien, Vietnam oder China auch der gesamte „Leib Christi“ attackiert wurde. Das alles ist so „schön weit weg“, dass man sich einmal im Jahr, vorzugsweise in der Adventszeit, darüber gruseln kann und das Menetekel danach wieder so wunderbar sauber von der Wand gewischt wird.

Und wer jetzt von Ihnen, liebe Leser, den Gedanken nicht abschütteln kann, dass hier nur einer larmoyant vor sich hin schwafelt und die Situation hier in der Stadt „schon nicht so schlimm“ sei, der erinnere sich vielleicht daran, dass die deutsche Christenszene ein breites Spektrum abdeckt. Auch regional betrachtet ! Sie, liebe Leser sollten also die Möglichkeit, dass an meinen Worten etwas daran sein könnte, nicht ganz ausschließen. Ich schreibe aus Erfahrung. Ich gestehe es hier sogar zum ersten Male offen: ja, sogar der ein oder andere, an sich ungeplante Gemeindewechsel meinerseits, hatte oftmals zumindest zum Teil damit zu tun, dass die scheinbar so wohlwollend aufgebaute Wand der Ignoranz gegenüber dem weltweiten Leid der Geschwister meine Geduld deutlich überforderte und auch mit Gottes Hilfe keine Aussicht auf einen Wandel zu bestehen schien. Zumindest auf keinen Wandel zum Besseren. Richte ich hier über meine Geschwister ? Nein ! Ausdrücklich nicht. Ich kenne bspw. in der Nähe Berlins eine wunderbare Gemeinde, deren ganze Lebensaufgabe einzig und allein die Kinder- und Jugendarbeit ist. In einer Kreisstadt, wo die Kommune viele soziale Aufgaben aus finanziellen Gründen abgeben musste, ist das sicher eine ebenso gottgewollte wie ehrenhafte Aufgabe, zumal hier Heranwachsende die Chance bekommen, ein anderes, als das kommerziell-banale Leben kennenzulernen, dass unsere Zeit ihnen sonst anzubieten hat. Aber in einer so vielfältigen Kirchenlandschaft wie der Berlin-Brandenburgs möchte ich selbst auch meine von Christus teuer erkaufte Zeit nicht mehr in Gemeinden verschwenden, wo für den unverstellten Blick auf das Blut der Märtyrer UNSERER TAGE kein Fenster geöffnet wird. Aus welchen Gründen dies auch immer geschieht.  Und seien diese auch scheinbar noch so nachvollziehbar.

Mit diesen, sehr persönlichen Worten schließe ich diese Betrachtung.

Ihr

Martin Clemens Kurz

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