Statt eines Jahresrückblicks: ein Diskussionsbeitrag

Liebe Leser, Mitbeter und Unterstützer des „Berliner Gebetskreises verfolgte Kirche“, ich hatte es „angedroht“: eigentlich wollte ich an dieser Stelle einen kleinen Jahresrückblick veröffentlichen. Wollte mit Ihnen etwa meine Freude über die Freilassung des koreanisch-amerikanischen Pastors Kenneth Bae aus nordkoreanischer Haft, die im November erfolgte, teilen, wollte mit großer Genugtuung die Kundgebung zu Gunsten von Said Abedini vor der iranischen Botschaft in Berlin Revue passieren lassen, welche im September stattfand oder wollte den Marsch der orientalischen Kirchengemeinden zum Brandenburger Tor vom August mit warmherzigen Worten bedenken. Ebenso hätte ich gerne über das Jubiläum der Berliner „Mahnwache Nordkorea“ berichtet, die in diesem Jahr ihr fünfjähriges Bestehen feierte, wobei ich zugegen sein durfte und ich hätte auch gerne davon erzählt, wie sich seit diesem Sommer eine neue Gebetsinitiative unter dem Namen „Freitags für die Freiheit“ in Berlin zusammengefunden hat, die regelmäßig vor dem Brandenburger Tor für verfolgte Christen und andere, unterdrückte Minderheiten betet. Auch meine grenzenlose Freude über die Freilassung Gao Zhishengs aus dem Gefängnis in der chinesischen Xinjiang-Provinz im August sollte eigentlich hier Thema werden. Dann aber hatte ich ein nicht mal sehr langes, aber für mich recht aufwühlendes Gespräch mit einem Christen, welches mich wieder daran erinnerte, warum die genaue Betrachtung der Christenverfolgung für uns Gläubige m. E. n. so wichtig ist.

Dieses Logo benutze ich seit diesem Jahr.Zugegeben, ich habe es in den Anfangsjahren des BGvK öfter hier im Blog thematisiert: die Beschäftigung mit der Christenverfolgung ist für viele Christen hierzulande eine „lästige“, ja geradezu „ärgerliche“ Angelegenheit. Stellen die Leiden der Geschwister in Südostasien oder Afrika doch oftmals unsere eigenen Bequemlichkeiten nachhaltig infrage. Wer genau hinsieht und auch den Kontext der Verfolgung, seine Ursachen, Hintergründe, Hintermänner (und -frauen) und Historie betrachtet, sieht über kurz oder lang eine in unseren Kirchen weitverbreitete und oft sorgsam gepflegte „Heile-Welt“-Mentalität vor seinen Augen zerbröseln. Vor allem dort, wo wenig oder gar nicht mehr über „Sünde“, „Gericht“ und „den Hass der Welt“ auf Gläubige gepredigt oder gesprochen wird, fallen Kirchgänger natürlich (potentiell) aus allen Wolken, wenn sie einen guten Schuss Realität erfahren. Brennende Kirchen ? In Nigeria, Pakistan, Kenia, Indonesien ? Aufgeschlitzte Christenleichen im Irak, in Ägypten, Vietnam oder Indien ? Na, da könnte einem ja glatt die Weihnachtsgans, der Osterkarpfen oder die Hostie wieder hochkommen, wenn man sich das vorstellt, oder auch noch Bilder, Augenzeugenberichte und zusammenhängende Vorträge darüber im kirchlichen Rahmen vorgestellt bekommt. Sollen diese „Menschenrechtler“ doch unter sich irgendwo in dunklen Hinterzimmern ihr „Ding“ machen, aber als Kirchgänger mit Unterhaltungs- und Gemeinschaftsbedürfnis braucht man so etwas doch nicht !

Und auch unter den „Super-Religiösen“, denen, die die Bibel auswendig aufsagen können und selbstverständlich mit freundlicher Unschuldsmiene jeden Mitchristen permanent auf seine „unchristliche“ Gesinnung oder seinen „unbiblischen“ Lebenswandel aufmerksam machen (immer ungefragt, natürlich, denn wir sollen ja einander „ermahnen“) findet sich eine sehr beliebte Vermeidungstaktik. Dieser sah ich mich letztlich wieder in einem kurzen Gedankenaustausch mit einem Berliner Mitchristen ausgesetzt. Die Argumentationslinie verläuft dann immer an diesen Punkten entlang: Die Verfolgung der Gemeinde sei ja prophezeit worden, deshalb sei sie wohl auch gottgewollt, sozusagen als eine Prüfung der wahren Gläubigen und das Hinweisen auf ihr Vorhandensein wäre überflüssig bzw. es zeuge sogar „von einer weltlichen Gesinnung“ (Originalzitat). Na, so geht´s auch. Ich gestehe, als theologisch eher weniger umfassend geschulter Zeitgenosse überrascht mich hier weniger diese Argumentationskette, derer sich vor allem Geistliche gerne bedienen, um das „lästige“ Thema schnell abschütteln zu können, als vielmehr die Kaltschnäuzig- und Kaltherzigkeit mit der hier den Mitchristen in Not sozusagen der Rücken zugewendet wird.

Mögen auch all die Argumente für diese Linie durch unzählige Bibelstellen zu untermauern sein, aber ich frage mich, wer hier die weltliche Gesinnung an den Tag legt: der, der die „Nächsten“, wenn sie halt in Ägypten oder auf Kuba wohnen, ignoriert oder ihr Leid als sozusagen „unabwendbar“ schicksalsergeben hinnimmt, oder der, der zumindest möchte, dass sich Christen auch in Deutschland ein realistisches Bild von „der Welt“ machen und dabei nicht nur auf ihre möglicherweise an vielen Dingen desinteressierten Hirten und die ebenso gerne geistliche Themen „filternden“ Massenmedien alleine vertrauen sollen. Darum geht es letztlich. Wer mehr weiß, hat einfach eine ganz andere Bewertungs- und Handlungsgrundlage, als andere. Vor allem aber werden wir vielleicht auch anfangen, mal für andere, als nur persönliche Dinge ins Gebet zu gehen. Gerade in meinem persönlichen Glaubensumfeld war es z. Bsp. lange Zeit Mode, vor allem persönliche Dinge vor Gott zu bringen. Dass wir dabei vielleicht die Not und das Leid anderer, mit Bezug auf das Thema dieses Blogs vor allem anderer Christen, ignoriert haben, wird mir immer wieder deutlich, wenn ich an meinen eigenen, geistlichen Werdegang zurückdenke. Wenn nämlich der Leib Christi nicht mehr aufschreit, wenn man ihm in Syrien (im wahrsten Sinne des Wortes !) die Füße abhackt oder ihn in Indien verprügelt, dann ist mit dem geistlichen „Nervensystem“ der Christenheit offensichtlich etwas nicht in Ordnung. Dann haben Kirchenspaltungen, Richtgeist und Besserwisser-Mentalität so tiefe Wunden geschlagen, dass eine hartherzige Unversöhnlichkeit daraus entstanden zu sein scheint. Mich schaudert. Und frage mich mehr als einmal, ob ich einer Kirche, die solche Tendenzen stützt, noch angehören möchte.

Natürlich ist mir bewusst, dass auch ich mit diesem Kommentar wieder mal „mit dem Finger zeige“, aber letztlich nicht auf namentlich benannte Personen oder Personengruppen, sondern mehr auf eine Art von Denken, Fühlen und Verhalten, welches Bibelzitate dahernimmt, um sich von der Realität abzuschotten, wenn sie uns zu unbequem erscheint. Von geistlicher ebenso wie profaner, brutaler Alltagsrealität. Zu spät, liebe Leute, durch die Annahme Jesu als unseres Herrn sind wir längst abgeschottet, die Welt hasst uns, wenn wir bekennen und wir müssen überhaupt nichts mehr dazutun, um „etwas Besonderes“ zu sein ! Und wenn wir unser Herz nun auch für Christen aus anderen Weltregionen (die Verfolgung wird übrigens schneller, als wir denken, auch in Europa einsetzen, weshalb wir von bereits Verfolgten für die Zukunft unsere Gemeinden lernen können) erwärmen, für Gläubige mit anderen Traditionen ein offenes Ohr haben und ihre Not und ihre Botschaften zumindest im Gebet vor unseren Herrn bringen, kann das auch uns nachhaltig verändern. Nur wollen das wohl viele Christen gar nicht…

In diesem Sinne, einen guten Start ins Jahr 2015 ! Gottes Segen für Sie auch im kommenden Kalenderjahr ! 🙂

Ihr

Martin Clemens Kurz

P.S.: Sehen Sie diese Meinung ruhig als Diskussionsbeitrag und kommentieren Sie nach Herzenslust. Vielleicht haben Sie ja zum Thema ähnliche Erfahrungen gemacht oder finden, aus o. g. Gründen die ganze „Hysterie“ um die Verfolgung unnötig ? Bitte sehr, hier ist Ihre Plattform.

P. P.S.: In einem Land, wo über Serien von Kirchenschändungen gar nicht erst berichtet wird, wo die Brandstiftung an einer Kirche keinerlei überregionalen, bundesweiten Protest auslöst (und auch nach 18 Monaten nicht aufgeklärt ist), dafür aber der Brand einer Moschee in Schweden eine medial angefeuerte Hysteriewelle auslöst, muss man sich wohl über nichts mehr wundern. Armes Deutschland. Verstehen Sie mich nicht falsch: ich finde beides absolut übel: Brandstiftung ist ein Verbrechen. An Versammlungshäusern religiöser Natur ebenso wie anderswo. Aber hier haben Medien und „veröffentlichte Meinung“ in Deutschland einen derart auffälligen Doppelstandard für die Bewertung solcher Ereignisse entwickelt, dass es mich nur noch schaudert.

 

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4 Gedanken zu “Statt eines Jahresrückblicks: ein Diskussionsbeitrag

  1. Ja, so sehe ich das auch. Danke für den realistischen Beitrag. Er spornt mich an mit der Verbreitung der Informationen über Christenverfolgung weiter zu machen.

  2. Danke, Herr Kurz. Sie sprechen Tatsachen aus, die in Deutschland ungern thematisiert werden.
    Das kommt davon, wenn man sich Konflikte in das eigene Land holt!
    Wie wollen wir da in Zukunft Verfolgten noch Schutz bieten, wenn die Verfolger bereits hier sind?
    Ihnen wünsche ich einen ruhigen zweiten Weihnachtsfeiertag.

    Mit freundlichen Grüßen

    Klaus-Dieter Neumann

  3. Vielen Dank für diese dezidierte und von Herzen kommende Botschaft. Ich möchte nur hinzufügen, dass diese Verdrängungs- und Ignorierungsmechanismen jetzt überall da sehr schnell ans Licht kommen, wo Kirchen und Gemeinden vor der Tatsache stehen, dass in ihrem Schatten ein Asylheim gebaut oder gerade bezogen wird. Da sind Gemeinden ganz schnell im „Tal der Entscheidung“ und müssen auf die Frage antworten, ob sie sich von Jesus herausfordern lassen oder alles so weitermachen wie bisher.
    Da gehen manche Gemeinden schon jetzt durch unvermittelte Zerreißproben… Aber wir sind im 21. Jahrhundert. Jedes globale Problem landet mit seinen ersten Flüchtlingen an unserer Haustür! Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, Teil eines weltweiten weltanschaulichen Gerangels. Todeskrieger oder Friedefürst, das wird auch 2015 die Frage sein, „Was ihr getan habt einem dieser meiner geringsten Brüder.“
    Ich kann bezeugen, dass sich der HERR auf diesem Feld enorm verherrlicht. Hier füge ich nur zwei Beispiele an.
    a) Im zentralen Aufnahmelager für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt betete ich für einen Flüchtling, der mit einem übefüllten Bott über das Mittelmeer gekommen war. Er war sieben Nächte im Sturm. Sobald es hell wurde warf man die Leichen mehrerer Verstorbener über Bord. In jeder Nacht dachte er, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Die Macht der Erinnerung war so schwer, dass er Angst vor den Alpträumen hatte und nicht schlafen konnte. Ein einfaches Gebet brachte ihm restlose Befreiung.
    b) Zwei afrikanische Christen brachten mich in einem Heim zu einem Kranken. Er hatte eine eiternde Messerwunde am Bauch und fürchterliche Kopfschmerzen. Am Vortag war er zusammengeschlagen worden und hatte dabei mehrere Vorderzähne verloren. Zwei Afrikaner hatten die Zähne aus dem Dreck aufgesammelt. Sie beteten, Gott möge sie zu einem Zahnarzt führen, der die Zähne wieder einsetzen könnte. Dann schleppten sie den Patienten zu dem Haus, das ER ihnen gezeigt hatte. Der Zahnchirurg wollte das Haus gerade verlassen und setzte die Zähne wieder ein. Er befestigte sie mit Stahlnägeln. Aber er gab zu bedenken, dass die Chance, die Zähne würden wieder anwachsen, nur bei 10-20 % liegen würde. Ich sprach mit dem Patienten und er übergab sein Leben Christus. Am nächsten Tag schon waren seine Schmerzen weg, die Wunde ordentlich verheilt und inzwischen sind die Zähne ganz fest. Das geschieht mitten unter uns.
    Verfolgung ist schon angekommen, Rettung aber auch. Für mich sind die Flüchtlingsheime Orte, an denen die unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen aufeinandertreffen und unser Glaube sich bewähren muss – oder verlieren wird. Ich erlebe viele Muslime, die sehr ins Nachdenken kommen und mit denen ich sehr tiefe uind lebensverändernde Glaubensgespräche führen kann. Das wäre in ihren Heimatländern unmöglich; hier aber ist es Realität.
    Ich kann sie deshalb in ihrem Anliegen nur ermutigen und unterstützen. Viel Kraft und Segen für 2015!
    Ihr Johann-Christoph Tiedeke

    • „Verfolgung ist angekommen, Rettung aber auch.“ Dies ist eine ermutigende Botschaft, eine ebenso interessante, wie zu Herzen gehende Sichtweise. Danke, dass Sie dies mit uns geteilt haben. Im zweiten Teil dieser Aussage liegt die Hoffnung. Hoffnung, die wir nicht verlieren dürfen ! 🙂

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