Indien: christliche Kundgebung vom Staat untersagt

Nun, es soll niemand sagen, wir hätten es nicht erwartet: mit der Wahl des hinduistischen Nationalisten Narendra Modi zum Ministerpräsidenten Indiens geht ein weiteres Verschärfen der Diskriminierung religiöser Minderheiten einher. Christliche Menschenrechtler in Indien hatten dies bereits befürchtet und leider scheinen diese Sorgen bestätigt zu werden. Unlängst erst haben Hindu-Fanatiker im Bundesstaat Madhya Pradesch dafür gesorgt, dass eine Ehe aufgehoben wurde, weil einer der Partner Christ war. Dagegen wollten nun christliche Verbände protestieren. Im Indien des Narendra Modi aber scheinbar eine nicht erwünschte Meinungsäußerung. Die Verfassung Indiens, welche ebenso wie das deutsche Grundgesetz Versammlungs- und Religionsfreiheit garantiert, spielt für die Apologeten des „Hindutva“, der Einheit des Staatsvolkes Indiens mit der Gemeinschaft aller Hindus, offensichtlich keine Rolle.

Karte von Indien

Indien

Der Fall ist von außen betrachtet noch etwas verworren und nur in seinen Eckpunkten bekannt. Einige Details sind noch ungeklärt bzw. umstritten und die zeitlichen Abläufe der nachfolgend geschilderten Vorgänge sind nicht ganz stimmig. Aber ich versuche dennoch an dieser Stelle mal eine Zusammenfassung: zwei junge Inder mit Namen Joseph Pawar und Ayushi Wani aus dem Bundesstaat Madhya Pradesch, beide aus dem Distrikt Alirajpur, genauer aus dem Ort Jorbat, wollten heiraten. Er ist Christ, sie Hindu. Soweit, so banal für deutsche Verhältnisse. Offensichtlich verbirgt sich hinter dem Offensichtlichen aber eine Art „Romeo und Julia“-Familiendrama, denn beide jungen Leute zogen es vor, am 28. September 2014, vor ihren Familien zu fliehen und in einem sog. „Arya Samaj“-Tempel in Bhopal ihre Ehe segnen zu lassen. Sie flohen weiterhin nach Pavgadh in Gujarat, wo sie ihre Ehre registrieren lassen wollten.

In der Zwischenzeit jedoch hatten die Hindu-Eltern von Ayushi Wani die Behörden alarmiert, hatten eine Entführung ihrer Tochter angenommen und lautstark angeprangert. Dadurch waren die seit einigen Jahren immer „alerten“ und „auf dem Sprung stehenden“, politischen Hindu-Verbände alarmiert worden und begannen, gemeinsam mit Ayushis Eltern, die „Rückführung“ der jungen Frau zu fordern. Die Behörden von Gujarat kamen diesem Ersuchen auch am 01. Oktober 2014 nach. Beide Frischgetrauten wurden im Polizeigewahrsam nach Jorbat zurücktransportiert. Ayushi Wani weigerte sich daraufhin, zu ihren Eltern zurückgeschleppt zu werden und wurde bis auf weiteres in einer Einrichtung für verwitwete und verarmte Frauen untergebracht. Derweil bemühte sich der vor Ort zuständige Befehlshaber der Polizei, ein „Superintendent of Police Akhilesh Jha“ darum, die Familien an einen Tisch zu bekommen und der Angelegenheit ein Ende zu machen. Noch während er einzeln mit beiden Familien verhandelte, umringte ein aufgeputschter Hindu-Mob von ca. 300 Personen die Polizeiwache und drohte damit, ernsthaften Vandalismus zu verüben sowie öffentliche Unruhe zu stiften. Unter dem Eindruck dieser Drohung erklärte sich der Superintendent dazu bereit, die Ehe der beiden jungen Liebenden für ungültig zu erklären und für ihre räumliche Trennung zu sorgen.

Immerhin hatte er noch genügend Rückgrat, um sich ansonsten für nicht zuständig zu erklären und keine weiteren Ermittlungen wegen „Kidnapping“ o. ä. zu führen, da beide „Flüchtlinge“ volljährig sind und aus freien Stücken handelten. Aufgrund dieser, vermutlich aus religiösen Motiven heraus, initiierten „Scheidung“ wollten sich aber noch im Verlauf des 01. Oktober 2014 in der Nähe von Jorbat Christen „All Indian Christian United Front“ und der „Moksha Stiftung“ zu einem Protest versammeln. Dieser wurde jedoch bereits im Vorfeld ebenso unter Hinweis auf die o. g. Drohungen aus Kreisen von Hindutva-Aktivisten durch die Polizei untersagt. Es soll eine ernsthafte Gefahr für die „öffentliche Ordnung“ in Jorbat und Umgebung bestanden haben, was als Begründung für das Demonstrationsverbot herhalten musste. Ein Sprecher des „Global Council of Indian Christians“, Sajan K. George, spricht im Zusammenhang mit den geschilderten Vorgängen von:

Einer Karikatur von Gerichtigkeit. Sie betrifft Christen, welche unter Druck von Hinduisten geraten, was unter stillscheigendem Einverständnis der Verwaltung passiert.

Dankenswerterweise spart Herr George auch nicht an weiteren, klaren Worten zu den Zuständen in Indien, besonders in den Bundesstaaten, die ebenso wie das Bundesparlament von der Hindu-Nationalistischen Partei „Bharatiya Janata Party“ (BJP), der Partei Narendra Modis, beherrscht und regiert werden. Sajan K. George spricht gegenüber allen Medien, die sich noch trauen, dies zu berichten, ganz offen davon, dass Christen dort ganz generell „Gerechtigkeit verweigert“ werde.

Für die beiden „davongelaufenen Liebenden“ hat dieses Hineinziehen von Religion und Politik in ihr Privatleben jedoch bis jetzt die Konsequenz, dass es den Familien und den Behörden gemeinsam gelungen ist, sie voneinander zu trennen. Allen „Romantikern“, die zuviele „rom-coms“ (romantic comedies) im Kino, im TV oder online gesehen haben und an das „die Liebe kann alles besiegen“-Dogma glauben, sei dieser Fall als Warnung und als Erinnerung daran nahegelegt, dass „die Welt“ eben kein Kinderspielplatz ist, wo „das Gute“ immer am Ende gewinnt. Wir werden sehen, ob und wie es für Joseph Pawar und Ayushi Wani weitergehen wird. Ich befürchte, dass im Indien, wo das offiziell zwar abgeschaffte, aber für Hindus noch immer de facto relevante Kastenwesen fröhliche Urständ feiert, Christen immer mehr zu „Unberührbaren“ werden, sollten sie nicht sogar von Geburt an „Dalits“ sein. In jedem Falle werden allen Nicht-Hindus vermehrt grundlegende Verfassungsrechte vorenthalten, was, wie der vorliegende Fall beweist, Konsequenzen bis ins Allerprivateste hinein hat. Beten wir doch für eine Änderung der Verhältniss dort zum Besseren.

(Quellen: „the news minute“ vom 03. Oktober 2014 und „asia news“ vom 08. Oktober 2014)

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