Berlin: „Freitags für die Freiheit“ – flashmob

Es ist bekannt: die Lage von Christen in Nahost ist ohnehin bereits schwierig. Seit dem Auftauchen der „ISIS“-Terroristen und ihren gezielten Enteignungen, Vertreibungen und Ermordungen von Christen in Syrien und dem Irak jedoch hat sich die Situation dramatisch weiter verschärft. Auch die Massenmedien steigen jetzt scheinbar langsam auf das Thema ein, auch wenn sie dies erst seit den Pogromen der ISIS an den Jesiden tun und die Christen-Massaker, die bereits seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges stattfanden, weitgehend ignoriert hatten. Wie reagiert man als Christ in Deutschland auf solche Meldungen ? Hier ein Beispiel:

Ich gestehe es, liebe Leser, ich bin altmodisch. Vielleicht, weil ich mich noch an Zeiten erinnere, in denen Menschen sich Briefe auf Papier schrieben, wenn sie sich etwas mitzuteilen hatten und notfalls zum guten alten, Festnetzanschluss-Telefon griffen, um kurzfristige Verabredungen zu treffen o. ä.  Ein wenig Zeit hat es mich jeweils gekostet, um mich mit Neuerungen der Kommunikationstechnik wie e-mail, SMS, oder mit den sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook so recht „anzufreunden“. Das ganze „Bloggen“, „liken“ oder „Twittern“ war mir lange ebenso unheimlich wie unseren werten Vorfahren vielleicht die erste Bahnfahrt oder der erste Flug in den Urlaub. Auch die Aktionsformen, welche diese Generation-„social-network“ erfunden hat, um auf Anliegen aufmerksam zu machen, habe ich lange nicht so ganz nachvollziehen können. Dass da aber etwas dran sein könnte, wenn man etwa eine „Twitter-Kampagne“ startet, dämmerte mir zum ersten Mal vor etwa drei Jahren, als weltweit sogar einige mehr oder minder Prominente ihren Twitter – account dazu nutzten, um auf das Schicksal des im Iran inhaftierten, christlichen Gemeindeleiters Youcef Nadarkhani aufmerksam zu machen.

Damals hatte das „American Center for Law and Justice“ (ACLJ) eine Twitter-Kampagne gestartet, an der sich am Ende sogar eine bekannte, amerikanische TV-Schauspielerin und ein prominenter, brasilianischer Fussball-Profi beteiligten. (Unseren Artikel dazu siehe hier.) Offensichtlich hatte die Nachricht über die kräftezehrende Haft des iranischen Pastors also durch diesen Kurznachrichtendienst Wellen geschlagen. Im kommenden Jahr wurde Nadarkhani aus der Haft entlassen. Und jetzt also ein „flashmob“ für die verfolgten Minderheiten im Irak und Syrien, zu dessen Teilnahme per „facebook“ aufgerufen wurde. Puh. Da muss man sich erstmal vor Augen führen, was ein „flashmob“ überhaupt ist. Per Definition handelt es sich dabei nämlich um eine Gruppe von Menschen, die sich in den sozialen Netzwerken oder per SMS spontan dazu verabreden, irgend etwas Auffälliges und Spektakuläres zu einem festgelegten Zeitpunkt, an einem festgelegten Ort gemeinsam zu unternehmen. Man verzeihe mir bitte meine ursprüngliche Skepsis darüber, ob solch eine Aktionsform dafür geeignet ist, auf komplexe und schwierige Themen wie die Christenverfolgung in Syrien und dem Irak aufmerksam zu machen.

DSCI0332_compressedAber neugierig, wie der Berliner nun mal ist, wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, um zu schauen, was da ab jetzt Freitags vor dem Brandenburger Tor in Berlin so passieren soll. Wenige Minuten vor Beginn waren bereits mehrere Personen mit den bekannten „N“-T-shirts, die bereits von diversen Kundgebungen in Deutschland her bekannt sind, auf dem Pariser Platz auszumachen. Sie näherten sich langsam einander an und kamen locker miteinander ins Gespräch. Dieses arabische „N“ für „Nasrani“ (=Nazarener), das die ISIS-Terroristen u. a. in Mossul an die Häuser der Christen gepinselt hatten, um sie zu kennzeichnen und sie für zukünftige Vertreibung oder Ermordung zu brandmarken, ist mittlerweile international zum Symbol des Protestes geworden. Bei dem ab jetzt auf unbestimmte Zeit regelmäßig an jedem Freitag um 18 Uhr stattfindenden flashmob in Berlin malen sich die anwesenden Christen dieses arabische „N“ auch wie Stigmata auf die Handflächen und erheben diese deutlich sichtbar. Dann wird eifrig und laut gebetet und Frieden sowie Schutz für die verfolgten Gläubigen in diversen Ländern, wo sich derzeit dementsprechende Pogrome abspielen, erfleht. Ein abschließendes „Vaterunser“, welches die Teilnehmer auf Knien absolvieren, leitet dann wieder in den Alltag über.

Wenn ich jetzt meine persönlichen Eindrücke schildern soll, dann sind diese durchaus positiv. Zwar wünscht man sich immer mehr Teilnehmer für derartige Events, aber was nicht ist, kann ja immer noch werden. An einem prominenten Ort wie dem Pariser Platz, wo an schönen Tagen jede Menge Touristen und Gaukler herumrennen, kann man so natürlich einiges an Aufmerksamkeit erlangen, aber auch massive Anfeindungen auf sich ziehen. Dies passierte an diesem Tag jedoch nicht und die gute, friedliche Grundstimmung des flashmobs wurde nicht gestört. Außerdem traf ich sogar noch eine Bekannte, die ich von einer anderen Veranstaltung ähnlicher Art her kannte. Leider bestätigt aber dieses Erlebnis meinen subjektiven Eindruck, dass die Anzahl der Christen in Berlin, die für das Verfolgungsthema bereits sensibilisiert sind und auch bereit sind, in irgendeiner Form aktiv zu werden, extrem überschaubar ist. So trifft man denn auf Mahnwachen, Infotagen oder Gebetstreffen fast immer dieselben Leute. Neue Initiativen, wie etwa dieser flashmob, gehen fast immer von außerhalb Berlins aus. Da muss ich mich dann auch an die eigene Nase fassen und eingestehen, dass noch sehr viel Aufklärungs- und Informationsarbeit auch über den BGvK und diesen Blog hier vonnöten ist.

Glücklicherweise konnte ich auch mit dem Initiator des Berliner flashmobs, Tobias Schöll vom Christus-Treff der Berliner Stadtmission, noch kurz sprechen. Eine Aussage, die er traf, blieb mir dabei besonders im Gedächtnis haften: „Ich habe mich über diese Ereignisse (die Verfolgung von Christen, Anm. d. Autors) informiert und bin dann irgendwann an den Punkt gekommen, wo es nur noch zwei Wege gab. Entweder ich konnte darüber deprimiert sein und verbittern, oder ich konnte damit beginnen, etwas zu tun.“ Tobias entschied sich für die zweite Option und postete u. a. diesen flashmob-Termin unter der Überschrift „Freitags für die Freiheit“ auf Facebook. In der Hoffnung, dass sich Christen aus Berlin und vielleicht später sogar Passanten der Aktion anschließen würden. Hier ist auch der Hauptunterschied zwischen christlichen Aktivisten und christlichen Resignativen: die einen hoffen, dass mit Gottes Segen selbst die scheinbar merkwürdigsten Aktionen noch einen Sinn ergeben und es immer besser ist, überlegt zu handeln, als die Hände in den Schoß zu legen. Die anderen zucken hingegen meist die Schulter und sagen sich und anderen: „Gott wird´s schon richten, Liebchen.“ um ihre Verantwortung weggeben zu können und nichts tun zu müssen. Dahinter steht auch ein anderes Verständnis von Gemeinde und Welt, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Leider sind die Berliner Gemeinden derzeit noch voll von dieser letzten Gruppe von Christen. Beten wir doch dafür, dass mehr Leute sich der Lebensrealität verfolgter Christen bewusst werden und lieber zu Aktivisten werden möchten. Manchmal ist gar nicht so viel dazu nötig.

Zwar mag generell nicht jede gut gemeinte Aktion auch gut gemacht oder wirklich sinnvoll sein, aber ein Christ, der nicht zumindest ernsthaft darüber nachdenkt, wie er sich für die von Vertreibung, Folter, Mord und Auslöschung bedrohten Kirchen und Gläubigen etwa in Syrien, Nigeria oder dem Irak einsetzen kann, sollte, meines Erachtens nach, mal zügig seine geistliche Prioritätenliste überprüfen. In diesem Sinne, hier auch nochmal von mir die Einladung, vor allem an alle Christen in Berlin (oder auf Besuch), die für etwa 20 Minuten in der Woche mal aktiv sein wollen:

  • „Freitags für die Freiheit“, jeden Freitag, 18.00 auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Fragt nach Tobias. 

Betet bitte auch für die Teilnehmer um Bewahrung vor Gewalt und aggressiven Anfeindungen. DANKE ! 🙂

Euer

Martin Clemens Kurz

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