Berlin: Mahnwache Irak

Am 01. September 2014 debattierte der Deutsche Bundestag über die militärisch-politische Lage im Irak und darüber, ob und welche Hilfen Deutschland den vertriebenen und von Vertreibung bedrohten Minderheiten anbieten kann. Aus diesem Anlass hielt die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) gemeinsam mit jesidischen, kurdischen, assyrischen und aramäischen Verbänden eine Mahnwache am Brandenburger Tor ab. In direkter Sichtlinie zum Reichstagsgebäude. Tenor: helft den Minderheiten jetzt ! Das wollte ich mir genauer ansehen.

Nun geht ja derzeit im deutschen Christentum eine Diskussion hoch her, deren zwei Hauptargumentationslinien etwa so lauten: „Selbstvertedigung ist Christen aus biblischen Gründen untersagt“ und „wann, wenn nicht jetzt – wir müssen Hilfe zur Selbsthilfe leisten, um (auch Christen) zu schützen“. In den sozialen Netzwerken, in den Gemeinden, in Hauskreisen und im direkten Gespräch zwischen Christen wird z. T. heftig und erregt diskutiert, wie die Hilfen aussehen könnten, die man von Europa aus dem Irak und anderen, von den Allahs-Terroristen der IS bedrohten Regionen anbieten sollte, falls man überhaupt eingreifen soll. Dabei kommt eine Vielzahl das christliche Selbstverständnis ganz grundlegend tangierender Fragen zur Sprache:

  • Wie stehen Christen zum Selbstverteidigungrecht ihrer Geschwister in Nahost ? Wie ist das aus biblischer Sicht zu bewerten ?
  • Wie steht man in Kirchenkreisen zu den geplanten Waffenlieferungen an die kurdischen Sicherheitskräfte ? Sollten nur diese „Peschmerga“ Waffen erhalten oder auch andere Milizenverbände ?
  • Oder sollte Deutschland, damit „von unserem Boden nie wieder Krieg ausgeht“ nur Hilfsgüter für die vertriebenen Jesiden und Christen liefern ?

Von Frau Ex-Bischöfin Kässmann über diverse andere, christliche Würdenträger orthodoxer, katholischer oder evangelischer Kirchen bis zum einfachsten Gemeindemitglied wie mir wird im stillen Kämmerlein oder auch lautstark – multimedial über die Herausforderung nachgedacht, welche das Aufkommen einer seit den Nazis scheinbar ungekannten Barbarei in Syrien und dem Irak darstellt. Die Argumente werden dabei teils sehr emotional, teils aber auch dezidiert bibelorientiert vorgebracht. Außerdem geht diese Debatte auch weit über die Kirchen- und Christenkreise Deutschlands hinaus, wie sehr wohl zu erkennen ist.

IMG_4336_compressedZugegeben, für mich als Christen ist es derzeit nicht einfach, mich dem Thema der gezielten Massaker an Minderheiten im syrisch-irakischen Raum durch die sunnitische Terror-Armee „Islamischer Staat“ in „aller Ruhe“ zu widmen. Zu sehr überschlagen sich seit Wochen die Nachrichten über neue Barbareien, über geköpfte Journalisten, entzweigerissene Kleinkinder und gekreuzigte Erwachsene. Wir erfahren durch die Sicherheitsbehörden und aufmerksamen Medienvertreter, dass ein guter Teil der „Kämpfer“, die diese IS-Truppen zur Verfügung haben, in Europa oder Südostasien sozialisierte Muslime sind, die sich nun einen Spaß daraus machen, für ein paar Monate in blutige Barbarei zurückzufallen und damit 40.000 Jahren menschlicher Zivilisation ins Gesicht zu schlagen. Die Berichte überschlagen sich. Auch in den sozialen Netzwerken, wobei hier nicht jedem Bericht auch Glauben zu schenken ist. Man kommt kaum nach, wenn man einen auch nur halbwegs fundierten Einblick in die verschiedenen Aspekte der Lage bekommen will.

Irgendwann aber, wenn alle Argumente ausgetauscht, alle Informationen eingeholt sind, muss man sich auch einmal überlegen, ob und wie man zu handeln gedenkt. Wenn man also alle Argumente, die für ein „Abwarten und Teetrinken“ sprechen, beiseitegeschoben hat (auch davon gäbe es einige: „Warum kümmern sich die z. T. schwerreichen Staaten der Region nicht um die Flüchtlinge ?“), dann kommt der Punkt, an dem man dem abscheulichen Treiben der „Allahu Akbar“-schreienden Wilden von IS oder „Al-Nusra-Front“ etwas entgegensetzen muss. Und deshalb forderten die beteiligten Gruppen auf der Mahnwache vom 01. September in Berlin, den kämpfenden Milizen der Peschmerga, der syrischen Kurden, des Syriac Military Council (SMC) usw. die Mittel zur Selbstverteidigung zur Verfügung zu stellen.

Ich gestehe, dass ich es mir gerade als Christ nicht einfach gemacht habe, diese Forderung durch meine Anwesenheit sozusagen zu stützen, aber dazu vielleicht gegen Ende noch etwas mehr. Vorerst schildere ich mal meine Eindrücke vor Ort. Es hatten also mindestens fünf Verbände gerufen und es kamen….gerade mal zwei Handvoll Leutchen. Das mag an dem etwas ungünstigen Termin an einem Wochentag oder an der kurzfristigen Information gelegen haben, das Wetter oder eine ungünstige Lage des Versammlungsortes konnten jedenfalls als Ausrede nicht herhalten. Weder Regen noch eine verkehrstechnische Nichterreichbarkeit waren gegeben. Aber dennoch war gerade die „GfbV“ sehr dankbar für jeden, der an diesem Tag Solidarität mit den von der Auslöschung bedrohten Minderheiten beweisen wollte. Die unvermeidlichen Plakate und Transparente wurden aufgezeigt, diverse Fotos für Presse und interne Dokumentation geschossen, Flyer an Passanten verteilt und kurze Reden abgehalten. So wies der zuständige Referent der GfbV, Kamal Sido, erneut auf die schier unfassbaren Greuel der IS hin, denen Einhalt zu gebieten sei.

Am Rande solcher und ähnlicher Kundgebungen kann man aber auch immer mal wieder die interessantesten Gespräche führen. So kam ich etwa mit einer assyrischen Dame in den Gedankenaustausch, deren Vater vor vierzig Jahren aus der Türkei nach Deutschland einwanderte. Sie hatte einige sehr klare Ansagen zu machen und brachte den ein oder anderen starken Spruch, von denen ich mir gar nicht alle merken konnte, so originell waren sie z. T. So sagte sie mir zum Thema der zögerlichen Politiker in Deutschland: „Ach, dieses ganze Politikergeschwätz soll uns doch nur einlullen. Die wollen einfach nix tun und reden drum herum.“ Oder zur möglichen Motivation der IS-Terroristen-Armee: „Das steht doch alles so im Koran. Die machen doch nur, was ihnen vorgegeben wird.“ Sie verwies darauf, dass sie auch für Deutschland viel bete, damit es hier nicht so kommt, wie im syrisch-türkisch-irakischen Raum. Und sie ermahnte uns Deutsche, wachsam zu bleiben, denn: „einen Schlafenden kann man viel einfacher töten, als einen, der nicht schläft.“ Eine ebenso brisante, wie dringend notwendige Warnung, wenn man daran denkt, dass ja mehrere Hundert Dschihadisten aus unserem Land sich der IS angeschlossen haben und möglicherweise eines Tages zurückkommen werden.

Aber auch mit einem Mitglied der GfbV, die an ihren dekorativen Leibchen zu erkennen waren, konnte ich ein Gespräch führen und bekam dabei die typisch-deutsche Verwirrung angeboten, die bezüglich des Ausbrechens des scheinbar nicht zu bremsenden Wahnsinns bei IS, Al-Nusra und Konsorten vorherrschen. „Das hat ja gar nix mit Religion zu tun. Das sind ja alles nur Abenteuer-Urlauber der Gewalt, die da hinfahren und diese Massaker begehen.“ Auch einen etwas hinkenden Vergleich mit der französischen Fremdenlegion bot er mir an, was ich dann aber endgültig zurückwies. Aber solche an Klarsicht und Kenntnis mangelnde Ansichten scheinen in gewisser Weise selbst für die menschenrechtlich engagierten Deutschen und auch für viele Verbände beispielhaft zu sein. „Nichts mit Religion“ ? Nun, dann wäre aber die Motivation der Täter immer weniger nachvollziehbar. Wahn, Gewaltbereitschaft, Hass und Barbarei fallen ja nicht vom Himmel, sondern müssen in ihnen angesprochen und ausgelöst werden. Gerade, wenn man bedenkt, dass die IS-Brigaden nun aus aller Herren Länder Zulauf bekommen und Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Ethnien und Sozialisationen dieselben Ziele verfolgen. Was also ist die rote Linie zwischen ihnen, das verbindende Element ? Aber dies in Ruhe auszudiskutieren, war mit dem Herren von der GfbV nicht möglich, der lieber ein paar Infoflyer verteilen ging und mir stattdessen ein Plakat in die Hand drückte. Als höflicher Gast auf „seiner“ Kundgebung wollte ich auch nicht weiter insistieren und hielt brav ein Plakat in die Luft, auf dem das Ende der Verfolgung von Jesiden gefordert wurde. An diesem Tag war es mir weitgehend gleich, was da drauf stand.

IMG_4333_compressedAber glücklicherweise hatte ich auch noch einen kurzen Gedankenaustauch mit einer Frau, die ein Schild bei sich trug, auf dem sie das Einsickern der internationalen Terroristen durch türkisches Staatsgebiet anprangerte. Es stellte sich heraus, dass sie eine deutsche Pastorin ist, die seit Mitte der 90er Jahre regelmässig nach Kurdistan reist, die selbst fließend kurdisch spricht (wovon ich mich live überzeugen konnte), die Kontakte zu Christen in Syrien unterhält und ganz allgemein sehr, sehr gut über die wahren Vorgänge, hinter dem Grauschleier einer unzureichenden oder gar manipulativen Medienberichterstattung, informiert ist. Ihren Namen, der mir bekannt ist, werde ich hier nicht nennen, schon um ihr Ärger von den Kirchenoberen zu ersparen, wenn herauskommt, dass sie Kontakt zu einem „bösen, islamophoben, christlich-fundamentalistischen Rechtspopulisten“ (ist mir alles schon von Christen in dieser Stadt um die Ohren gehauen worden) wie mir hatte. Aber das Unverständnis der Pastorin darüber, dass etwa die deutschen Medien kaum über die Greueltaten von islamischen Milizen wie der schon erwähnten „Al-Nusra-Front“ in Syrien berichten, korrespondiert doch sehr mit der von mir in diesem Blog vertretenen Sichtweise. Auch ihre Einschätzung, dass eher englisch-sprachige Medien mal eine solche Meldung bringen, während etwa die Maßnahmen der syrischen Armee (auch gerne abfällig „Assad-Truppen“ genannt) in Deutschland lang und breit medial dargestellt und diskutiert werden, deckt sich sehr genau mit meiner Sichtweise. Kein Wunder, dass wir beide auch eine eher positive Einschätzung der assyrischen Nonne Schwester Hatune Dogan teilen, die seit Jahr und Tag Nothilfe für Vertriebene der diversen Konflikte in der Region leistet und deren sehr deutliche Haltung zu Fragen der Christenverfolgung nur allzugut bekannt ist.

Weiterhin konnte diese Pastorin über Details der antichristlichen Attacken auf die Gemeinden von Aleppo berichten, weil sie eben noch regelmäßige Kontakte nach Syrien hat. So hat die Al-Nusra-Front etwa im Frühsommer 2014 die letzte noch funktionierende Wasserleitung ins historische Stadtzentrum von Aleppo gesprengt, um die verbliebene Zivilbevölkerung weiter unter Druck zu setzen. Auch dies eine Meldung, die irgendwie im Strudel der Meldungen über den Gaza-Konflikt o. ä. untergegangen zu sein scheint. Nicht ganz folgen konnte ich hingegen ihrer Argumentation, dass das Ausdifferenzieren, wem man aus Deutschland denn nun Waffen liefern solle, wenig sinnvoll sei. Die Pastorin erwähnte in diesem Zusammenhang eine mir unbekannte, syrisch-kurdische Miliz (habe inzwischen einen ZDF-Bericht gesehen, der die Einschätzung der Dame sehr genau widerspiegelte !), die dort unten angeblich seit Längerem auch die IS bekämpfe, vielen jesidischen Flüchtlingen sichere Fluchtkorridore ermöglicht habe und panzerbrechende Waffen eben genausogut brauchen könne, wie die Peschmerga, die überwiegend im Irak operieren. Ich gestehe, mir kommt bei solchen Themen immer das Bild von den afghanischen Mudschahedin in den Kopf, die von den USA einst ausgerüstet wurden, um die Sowjetunion zu bekämpfen und die dann später zur Keimzelle der Al-Kaida und der Taliban wurden. Dass Waffen in falsche Hände geraten können, ist eine sehr realistische Gefahr, wie mir scheint und wer heute noch Verbündeter ist, kann morgen die Waffen gegen eine andere Minderheit richten. Womit ich aber grundsätzlich wieder beim eingehenden Thema angekommen wäre: wie halten wir Christen es mit defensiver Gewalt, mit dem Schutz von denjenigen, die es nicht selbst können ?

Man kann da sicherlich mehrere Positionen gelten lassen. Die der biblisch-einwandfreien „Andere-Wange-Hinhalter“ und „Friedens-Nachjager“, die sagen, man dürfe als Christ niemals und nimmer Gewalt ausüben, sie gutheißen oder gar durch Waffentransporte unterstützen. Ich selbst „bastele“ mir aber mittlerweile meine eigene Haltung zusammen aus Begegnungen wie den o. g. mit der Assyrerin oder der kurdensympathisierenden Pastorin, auch aus meiner Haltung als Deutscher, der aus der Geschichte gelernt hat, dass man „dem Bösen“, wie es sich derzeit etwa als „Boko Haram“ oder „IS“ manifestiert, manchmal eben nicht nur mit Gebet und Flucht, sondern manchmal auch mit Standhaftigkeit und Kampfbereitschaft begegnen muss. Einen Adolf Hitler z. Bsp. hätte Frau Kässmann, die ja gegen jegliches Militär ist, sicher mit Gebeten und dem zielgenauen Werfen von Kirchengesangbüchern bekämpft. Ich bin dankbar dafür, dass die USA, Großbritannien und Frankreich da anderer Ansicht waren, als es drauf ankam. Mit einer ähnlichen Haltung wie der von Frau Kässmann und Co. kann man heute eben auch der IS nicht begegnen, denn dann macht man sich ganz sicher mitschuldig daran, dass die Massaker weitergehen und weitere Opfer zu beklagen sein werden. Wer über diese Tatsache einfach im Sinne seines eigenen „guten Gewissens“ in Sachen Gewalt und Waffen hinweggeht, dem sind scheinbar Menschenleben, vor allem die Leben der christlichen Geschwister der Ostkirchen, genauso gleichgültig wie der IS. Ja, Frau Kässmann, ich meine Sie! Vielleicht kommt ja wieder eine Zeit, in der mit ohne Reue Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden können…
Ich gestehe aber, dass mein „Christsein“ in dieser Frage arg herausgefordert ist, weil ich üblicherweise einer eher bibelorientierten, wortgetreuen Ausrichtung im Christentum nahestehe. Aber dürfen Mitleid für die Opfer, darf die Empathie für das Schicksal ganzer Ethnien und Religionsgemeinschaften unser Gewissen auch als Christen nicht beeinflussen ? Dürfen sie vor dem Hintergrund der Friedensgebote Jesu keine Rolle spielen ? Was, wenn das Salz der Erde verschwindet und das Licht der Welt verlischt ? Wenn ganze Regionen, Land um Land, christenfrei gemacht werden, wie die o. e. assyrische Christin mir übrigens ebenfalls unmissverständlich klarmachte ?  Müssen wir diese Herausforderung nur eschatologisch sehen und darauf hoffen, dass Christus wiederkehrt, bevor der letzte Christ auf diesem Planeten ausgerottet wurde ? Und wie steht es mit der Zwei-Reiche-Lehre Luthers ? Gilt die christliche Heiligkeit nicht eher im erst zu erlangenden Reich Gottes und müssen wir im Reich der Welt nicht auch deren Regeln beachten ? Es ist schwer, das für sich genau abzuwägen, da muss man den Heiligen Geist um Rat bitten.

Machen Sie sich bitte Ihre eigene Meinung dazu. Ich richte, auch wenn es sich hier vielleicht so liest, weder die Pazifisten-Position von Frau K. , denn ich verstehe sie mit dem Herzen ja auch gut (und nur Gott steht es zu, zu richten), noch plädiere ich dafür, jedem Warlord oder regionalen Power-Player jetzt Panzer o. ä. zu liefern. Hilfe muss zielgenau und effektiv, aber auch zeitnah erfolgen, darauf scheint es anzukommen. Darauf konnten sich übrigens auch alle Anwesenden auf der Mahnwache einigen. Auch scheint die Analyse der Lage bei Beobachtern unterschiedlichster Herkunft, Religion und Motivation ähnlich zu sein, nur unterscheidet sich die Wertung dieser Fakten noch ganz gewaltig zwischen ihnen. Dennoch hat der Deutsche Bundestag eine partei-übergreifende Koalition Abgeordneter von Cem Özdemir bis Volker Kauder, von Grünen über die SPD bis zur CDU/CSU zustandegebracht, die sich einig ist, dass Handeln jetzt besser ist, als Stillhalten.

Gruß, Ihr

Martin Clemens Kurz

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10 Gedanken zu “Berlin: Mahnwache Irak

  1. Das ist ein sehr guter Bericht, Danke. Er läßt mich lebhaft teilnehmen. Ich werde meine Position überdenken. Nun ist es ja inzwischen entschieden und ich kann nur beten, dass die Waffen aus Deutschland wirklich denen helfen, die um ihres christlichen Glaubens bedroht sind. Ich bete, dass das Morden im Irak und Syrien aufhört.

  2. Ja, irgendwie wurde sich um die Frage herumgedrückt, ob Christen sich zur Selbstverteidigung nicht auch Waffen besorgen dürfen und für ihre eigenen Sicherheit sorgen. Ist es wirklich so, dass wir den Kurden Waffen liefern sollen, die ihre Haut für Christen aufs Spiel setzen müssen, weil diese nicht kämpfen dürfen? Dürfen sie das wirklich nicht? Dürfen diese Waffen nicht von Christen selbst angefasst werden?

    Ich denke, da sind wir aufgefordert, uns zu positiionieren. Nehmen wir uns ein Beispiel an Jesus selbst: Er war nicht zimperlich, als es darum ging, das Haus seines Vaters mit Stricken und Geiseln gegen Geschäftemacher im Vorhof des Tempels GEWALTSAM zu vertreiben. Wenn wir also Kirchen als das Haus unseres Gottes ansehen, dürfen wir Jesus hier auch folgen. Wenn wir also das Christentum in seiner Existenz gefährdet sehen, dürfen wir das Haus Gottes verteidigen. Oder wenn eine Horde Krimineller in einen Gottesdienst eindringt, dürfen sich dann die Gottesdienstbesucher, wenn gutes Zureden nichts bringt, nicht wehren und diese Typen achtkantig herauswerfen? In kath. Kirchen wird der Leib Christi in Gestalt der Hostie ständig aufbewahrt, begleitet durch das „ewige Licht“, so dass wir CHRISTUS selbst verteidigen würden, nicht einmal uns selbst. Das mag in evangelischen Kreisen nicht so gesehen werden, aber noch wird es in katholischen Kreisen geglaubt.

    Er war nicht zimperlich darin, den Pharisäern verbal Kante zu geben und sie in seiner orientalisch blumigen Sprache mit übertünchten Gräbern voll mit Totengebein zu vergleichen, m. E. eine durchaus aggressive Beleidigungshandlung.

    Jesus war also kein Pazifist wie Frau Käsmann das Christentum umzudeuten gedenkt. Gewalt war bei Jesus zumindest auch ein Mittel zur Abwehr. Worte wurden durchaus gegenüber bestimmten Menschengruppen auch aggressiv von ihm selbst eingesetzt.

    Ich darf daran erinnern, dass es König Sobieski aus Polen war, der mit seiner katholisch-christlich geprägten Armee in Wien den Türken Einhalt gebot. Wäre er nicht in dieser Weise tätig gewesen oder an anderer europäischer Stelle Herr Karl Martell würden wir hier nicht am PC sitzen und über christliche Befindlichkeiten schreiben dürfen, denn dann wären wir bereits Jahrhunderte früher dem Osmanischen Reich einverleibt worden und würden heute darüber diskutieren, ob wir nicht auch den Rest der Welt in IS-Manier korangemäß wie Mohammed überfallen dürften oder nicht. Die Frage wird im Koran deutlich beantwortet: solange kämpfen, bis alles an Allah glaubt. Spanien wäre noch heute muslimisch.

    Ich habe da eine handfeste Meinung. In Notwehr darf ich als Christ auch Waffen benutzen und mich wehren.

    Nur noch eine Wangehinhaltemärtyrersituation als christlich zu beschreiben, ist zwar philosophisch-religiös in Friedenszeiten gut und edel, trifft aber letztlich auch nicht die Botschaft Jesu. Dieses Wangehinhalten betrifft immer private Streitigkeiten, aber nie politisch-gesellsdhaftliches, nicht einmal religiöses Gesamtverhalten, sondern wird vom einzelnen Christen gefordert. Eine Schlägerei ist etwas anderes als Morddrohung mit Erpressung zur Konversion zum Islam.

    Das Verweigern Jesu von Gewalt bei seiner Gefangennahme ist seinem freien Willen geschuldet, sein Erlösungswerk in die Tat umzusetzen. Sie darf m. E. nicht dahingehend missinterpretiert werden, dass Gewalt in jedem Fall abzulehnen ist, ja, als Aggressor immer, als Notwehr nie. Wie gesagt, hätten Sobieski III und Martell so gehandelt, würden wir hier andere Gedanken niederschreiben, die mehr der Huldigung des Koran geschuldet wären, eine Horrorvorstellung.

    Ich glaube nicht, dass Christus das gewollt hätte.

    Aus Wikipedia: Die Schlacht am Kahlenberg am 12. September 1683 beendete die Zweite Wiener Türkenbelagerung. Ein deutsch-polnisches Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Johann III. Sobieski schlug die Osmanen. Die Niederlage bedeutete den Anfang vom Ende der türkischen Hegemonialpolitik. Auf christlicher Seite kämpften die vereinigte Infanterie und Artillerie der Allianz aus Österreich, Sachsen, Bayern, Baden und des Kirchenstaats, sowie das polnische Reiterheer. Ihr gegenüber stand das Wien belagernde osmanische Heer.

    Auch der Aufruf des Papstes zum ersten Kreuzzug war durchaus gerechtfertigt. Jerusalem war seit 400 Jahren vom Islam besetzt und die heiligen Stätten des Juden- und des Christentums waren in muslimischer Hand. Was die Kreuzzüge in der Folge gebracht haben, war natürlich zutiefst abzulehnen.

    Es ist müßig, sich darüber zu streiten, ob Christen die Waffe nicht in die Hand nehmen dürfen. Sie dürfen, um sich und ihre Glaubensgeschwister in tödlichen Notwehrsituationen zu verteidigen.

    Ich finde es unehrlich und auch unredlich, den Kurden zuzumuten, für uns Christen den Kopf hinzuhalten, nur weil wir vermeintlich uns nicht wehren dürfen weil wir ja so edelmütig unseren Suizid märtyrermäßig ins rechte Licht rücken müssen, eine Leidensvorstellung, die unehrlich ist. Da muss es zu einer Sinnesänderung kommen. Über was reden wir da im Grunde?

    Wir als Christen werden verfolgt und wir muten anderen zu, für uns zu kämpfen ohne selbst tätig zu werden? Ist das wirklich christlich? Ich habe da andere Worte dafür: Feigheit und Verantwortungslosigkeit.

    Märtyrertum kann keine gesellschaftliche Verpflichtung sein. Märtyrertum ist vom einzelnen Christen gefordert, der völlig schutzlos in die Ecke gedrängt, seinen Glauben zu bekennen hat und darüberhinaus seinen Feinden verzeiht wie Stephanus oder Jesus selbst. Das ist die ideell vollkommenste Form des Märtyrertums, das Märtyrertum der 2. Klasse ist den Glauben für sich standhaft für sich zu wahren ohne die Vergebung der Henker. Die Lage muss eindeutig ausweglos sein.

    Aber die Verantwortung, wenn gegen die Feinde noch etwas auszurichten ist, für das Wohergehen der eigenen Glaubensgeschwister anderen zu überlassen, ist m. E. schäbig, feige und ja, auch zutiefst verantwortungslos. Wir muten anderen zu für uns das eigene wertvolle Blut zu vergießen bis hin zum Tod, nur damit wir unsere Hände nicht schmutzig machen, weil wir Christen sind?

    Nochmals in aller Klarheit: Bei Existenzbedrohung ist Notwehr mit Waffen erlaubt auch für Christen.

    Etwas anderes ist es, Diskriminierung in islamischen LÄndern erdulden zu müssen. Da kann dann das Wangehinhalteargument greifen. Christen haben eine gewisse Leidensfähigkeit unter Beweis zu stellen, wenn andere die Regeln diktieren. Aber sie dürfen dennoch dagegen verbal und geistig aufbegehren und die geistige Auseinandersetzung nicht scheuen unter Bewahrung der eigenen Identität.

    Das hat in Syrien und im Irak auch bestens geklappt.

    Aber wenn die Gesamtexistenz des Christentums gefährdet ist, darf auch mit Waffen geantwortet werden. Da haben wir zu unterscheiden. Eine Positionierung unter diesen tödlichen Umständen ist seitens der Kirchen unbedingt vonnöten. Der Papst scheint da die richtige Einstellung zu haben: Gewalt notfalls mit Gewalt stoppen, aber nicht mehr. Ich meine, mit dieser Position kann ich mich anfreunden.

    Die Verteidigung darf natürlich nicht so wie in der islamischen Geschichte verlaufen, die sich verteidigender Weise über die ganze arabische Halbinsel bis Nordafrika ausbreitete und sich verteidigender Weise nunmehr bis in die Mitte Afrikas vordrängt. „Ironie off“

    Diese Verteidigungsart ist Christen verboten.

    • Puh, was für ein ausführliches, wohldurchdachtes und eindeutig positioniertes Statement ! Danke für diesen Beitrag, zu dem es (ich habe vielleicht nur zu wenig Wissen oder Phantasie) ja eigentlich gar nichts mehr hinzuzufügen gibt. Ich habe es mal mit dem „Messer an der Kehle“-Beispiel versucht, dem ein oder anderen mir bekannten Christen das Dilemma klarzumachen. Aber selbst der Hinweis auf das komplette Auslöschen jeglicher Kirchen in ihren ältesten Stammländern (wo wurden wir denn zuerst „Christen“ genannt ? Ja, im heute türkischen, aber historisch eigentlich syrischen Antiochia.) kann die hardcore-„andere Wange Hinhalter“ nicht davon überzeugen, ihre Position zu überdenken. Die kommen ja immer mit dem Gethsemane – Erlebnis von Petrus (Ohr, Schwert, Soldat, wir wissen ja bescheid) und gehen jetzt davon aus, dass es eben an der Zeit ist, dass das Christentum als solches seinen Golgatha – Gang antritt. Merkwürdig, vielleicht nicht völlig biblisch, aber die argumentieren in letzter Konsequenz tatsächlich so.

      • Werter Stefanus 1m
        Danke, dass Sie sich mit meinem Statement beschäftigt haben. Ich denke wirklich so, ohne mich als einen Kriegstreiber zu sehen. Jeder würde seine Kinder beschützen und dem angehenden Vergewaltiger oder Mörder mit Gewalt zurückhalten, möglicherweise auch mit dem Risiko, ihn durch einen Schlag mit einem harten Gegenstand zu töten.. Wir sollen Gutes tun um Seinetwillen. Gehört da nicht auch die Verteidigung der Häuser des Vaters, des Leibes Christi und auch des eigenen Lebens und der eigenen Familie und den uns anvertrauten Menschen dazu? Würde ich, wenn ich Kickboxer wäre, mich von Kriminellen ohne Gegenwehr attackieren lassen? Wie weltfremd. Ich darf mich als Christ aber nicht von der Welt verabschieden. Hier gilt es, Werte zu verteidigen, auch Werte Gottes.

        Nun, die Hardcorewangehinhalter mögen das so sehen. Ich finde, dass es eben nicht biblisch ist. Die Gethesmanesituation war eine einmalige Situation – allein Christus für sein Erlösungswerk vorbehalten. Wenn ich für meinen Glauben sterbe, bin ich zwar ein Märyrer, erlöse damit jedoch keinen Menschen damit, höchstens mich selbst. Wie gesagt: Bei privatem, persönlichem „Indieeckegedrängtsein“ ohne Ausweg ist die Gethsemanesituation angebracht und vorbildlich.

        Wenn ich Sobieski und Marteil anschaue, den 30-jährigen Religionskrieg, so hat Gott sie nicht aufgehalten. Er hat die Führer dieser Kriege nicht sterben, sondern handeln lassen. Letztlich hat er sie (Martell und Sobieski) siegen lassen und so dem Einflussbereich SEINES Sohnes Geltung verschafft. Er hätte ja auch Wunder wirken können. Hätte es Sobieski und Martell nicht gegeben, hätten wenige heiligmäßige Menschen im chrsitlichen Sinne geboren werden können. Kaum ein christliches Gebet, kaum ein christlicher Gottesdienst wäre – und wenn dann nur im islamischen Dhimmistatus gefeiert worden. Es hätte keine weitere Wissenscahftsentwicklung gegeben, die beginnende Aufklärung wäre durch den Islam im Keim erstickt worden, Frauen würden noch heute im Tschador rumlaufen.

        ER hat keine Wunder gewirkt. Höchstens das Wunder des militärischen Sieges. Wir können uns als Christen nicht aus der Verantwortung stehlen und das tun wir, wenn wir uns, obwohl das Anliegen des Feinds bekannt ist, nämlich die Ausrottung und Eliminierung, abschlachten lassen ohne jede Gegenwehr, wenn es noch möglich ist! Das ist der Punkt! Gott hat im Laufe unserer Religionsgeschichte niemals Kriege aufgehalten. Das müssen wir selbst besorgen. Die Einstellung der Notwehr ist nicht unchristlich. Es hat für Juden im AT sogar Phasen gegeben, in denen der Vater, den wir anbeten sogar zu Kriegen, z. B. gegen die Midianiter aufgerufen hat und dies waren die Teile, die der Koran in seine Lehre eingefügt hatte, wie fatal. Das hat JESUS völlig aufgehoben. Damit hat ER nicht nur die Menschen erlöst, sondern auch seinen Vater von einem Gottesbild des Kriegsgottelements. Das wird in der Theologie offensichtlich viel zu wenig berücksichtigt. Der Erlösungsgedanke bezieht sich nicht nur auf Menschen, sondern auch m. E. insbesondere auf das Gottesbild, auf Gott selbst. Ohne die Dreieinigkeit im Sohn,Geist,Vater-Element wäre die Liebe als Hauptcharakter Gottes elend auf der Strecke geblieben. Erst durch Jesus ist diese Charaktereigeneschaft Gottes der Liebe in den Mittelpunkt des Seins Gottes gerückt. Jesus war eben nicht nur Gott, sondern der Anstoß und die endgültige Konstitution der Liebe Gottes, die schon immer in Gott schlummerte, aber erst mit JESUS so richtig den Menschen ins Bewusstsein geführt wurde. So hat Jesus sich selbst im Vater und im HL. Geist dem menschen bewiesen, wie groß und vollkommen die Liebe Gottes für die Menschen verstehbar wird.

        Aggressionskrieg auf keinen Fall, Militärischer Akt ausschließlich zum Zwecke der Selbstversteidigung sollte aus christlicher Sicht erlaubt sein.

        http://www.welt.de/politik/ausland/article131971261/Christen-im-Libanon-ruesten-sich-fuer-Kampf-gegen-IS.html

        Ja, ich finde, wenn sie angegriffen werden von Menschen, die ihnen und ihren Familien nach dem Leben trachten, wie IS dies bewiesen hat, dürfen sie das. Die Gefahr liegt im Verteidigungsrausch natürlich darin, dass das Maß überschritten wird. Das ist menschlich verständlich. Soweit dies vermeidbar ist, sollte es vermieden werden. Aber mich wehrlos diesen muslimischen Tötungsrobotern darbieten, halte ich für den falschen Weg.

        Ein Satz sollte den Gethsemane-Jüngern in den Ohren klingen:

        „Ich will Syrien nicht aufgeben, will aber auch, dass meine Kinder sicher aufwachsen. Ich will, dass sie an einem Ort groß werden, wo sie sich stolz ohne Furcht bekreuzigen können“, sagt Amir.

        Dieses öffentliche Bekenntnis wäre dann nämlich nicht mehr möglich. Jedes Kreuz, jedes christliche Symbol wäre von den IS-Truppen als Teufelssymbol angesehen und Christen könnten sich nur in Katakomben bewegen. Die Verfolgung ist uns von Jesus geweissagt. Aber es ist uns nicht ausdrücklich von ihm verboten worden, in Notwehr nach der Waffe zu greifen oder kennen Sie eine Stelle im NT?

        Dem Statement von Amir kann ich nichts mehr hinzufügen.

      • Ich gestehe, die meisten der von Ihnen angesprochenen Überlegungen habe ich in der ein oder anderen Form auch bereits angestellt und vor allem auf diesen Aspekt dabei gestoßen:

        Die Gethesmanesituation war eine einmalige Situation – allein Christus für sein Erlösungswerk vorbehalten.

        Allerdings bleibt dabei das „Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.“ immer noch im Raume stehen. Dieses Dilemma haben alle christlichen Polizisten, Soldaten und Milizionäre auszuhalten. Die Spannung zwischen dem „…durch das Schwert umkommen“ und dem „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Wer als „guter Hirte“ seine Schafe beschützen will, kommt eben, je nach Situation, auch um Gewalt als ultima ratio nicht herum, wie unlängst auch verschiedene Geistliche unterschiedlicher Konfessionen angemerkt haben. Vor einigen Jahren gab es dazu mal auf Englisch eine ganz gute, mehrteilige Artikelserie bei „maghreb-christians“…(http://www.maghrebchristians.com/2012/07/22/the-mission-of-jesus-and-the-sword/). Vier Beiträge, die sich biblisch fundiert mit dem Thema „das Schwert“ und das Christentum befassen.
        Andererseits bleibt auch die Aussage, des „wie Schafe unter die Wölfe“ Geworfenwerdens. Wie müssen wir uns als Schafe dabei verhalten ? Friedlich, eher fliehen, als kämpfen, aber wenn die Herde nicht mehr weiter kann und die „Mauer“ erreicht ist ?

  3. Kleiner Nachtrag noch:
    Die Feindesliebe, die die Gethsemanianer möglicherweise ins Spiel bringen werden, zieht in einem Krieg nicht und was die IS macht, ist nichts anderes als Krieg. Feindesliebe ist immer die Achtung des Feindes als Mensch, lieben im Sinne von Umarmen ist nicht vonnöten. Vergeben und verzeihen in christlicher Vollkommenheit im Privatbereich ist vonnöten. Aber in Kriegszeiten – und nur von denen spreche ich – kann die Feindesliebe nicht zum Tragen kommen, wenn es mir selbst an den Kragen geht. Das Verzeihen kann hinterher nach den den Christen aufoktroyierten Kampfhandlungen geschehen.

  4. Ich hatte heute Nacht einen unruhigen Schlaf, ich las mir noch einmal die Gefangennahme Jesu durch in Johannes und Markus und wollte noch nach einer Begründung suchen, ob meine Einstellung denn wohl so „unchristlich“ sei. Es ließ mir keine Ruhe.

    Nun heißt es im Joh. Evangelium von Petrus, dass er „ein Schwert bei sich hatte!“. Hat schon Jemand einmal die Frage gestellt, warum Jesus es seinem Oberjünger, auf dem er ja die Kirche aufbauen will, eine Waffe mit sich führen lässt?
    Die Situation war doch folgende: Judas hat nicht seine ehemaligen Apostel verraten, wenn überhaupt indirekt, sondern nur Jesus, den Jesus, den die Juden überführen wollten. Sein Verräterkuss war ausschließlich gegen Jesus gerichtet. War das Urteil der Juden über Jesus ungerecht? Nein! Der Tod Jesu war nach jüdischem Gesetz ein Muss. Jesus ist somit dem Gesetz seines Vaters aus Levitikus, nämlich dem der Gotteslästerung zum Opfer gefallen, nicht mehr und nicht weniger. Jesus ist somit nicht aus jüdischer Sicht unschuldig. Man hat ihm seine Sohnschaft nicht gegleubt, war Gott doch ein eifersüchtiger Gott, der niemanden neben sich duldete. Der Name Gottes hat Jesus nach jüdischer Auffassung verunehrt. Nach damals geltendem jüdischem Recht, hat er vor Kaiphas seine Sohnschaft Gottes bezeugt. Falsche Zeugen brachten nichts. „Was brauchen wir noch Zeugen?“, rief er aus. Sie wollten nicht die Jünger Jesu, erst später nach seiner Gefangennahme. Die Apostel sind feige geflüchtet und haben damit – nicht nur Petrus – Jesus verleugnet, feige im Stich gelassen, andererseits haben sie nach der Auferstehung das Christentum aufgebaut und dann aber mit märtyrerhafter Standhaftigkeit. Aber sie brauchten erst Beweise, nämlich die der Erscheinung des gekreuzigten „toten“ Jesus (Thomas lässt grüßen). Darum können wir den Juden auch niemals Vorwürfe machen, dass sie „ungerecht“ an Jesus gehandelt hätten. Jesus wusste dies und er wollte diesen Tod freiwillig auf sich nehmen. Darum ist er in dieser Zeit der römischen Besatzung auf Erden erschienen, wo es öffentliche Hinrichtungen am Kreuz gab, wo diese ärmsten der Armen ihr Leben aushauchen mussten, seinen Tod öffentlich machen, um in noch größererer Herrlichkeit aufzuerstehen. Wer Juden für den Tod Jesu verantwortlich macht, trifft den falschen. Sie hätten den Vater selbst für den Tod Jesu verantwortlich machen müssen. Denn die Juden haben nur das Gesetz des Vaters Jesu angewandt und Jesus wusste dies. Jede Beleidigung der Juden als „Gottesmörder“ war somit seit 2000 Jahren völlig ungerecht und aus der Luft gegriffen. Die Jünger haben Jesus doch auch nicht geglaubt, sonst wären sie nicht geflohen. Jünger, die die Wundertaten Jesu persönlich miterlebt hatten, sind geflohen. Die Schriftgelehrten haben das alles nur vom Hören-Sagen mitbekommen, noch nicht einmal aus unmittelbarer Anschauung. Glauben wir heute noch an Wunder? Werden nicht vielmehr selbst heute noch die jesuanischen Wunder laut Bultmann geleugnet? Und wir machen Juden für den Tod Jesu noch heute „unter der Decke“ und unterschwellig verantwortlich? Jesus hat am Kreuz all den Mitwirkenden an seinem Tod verziehen, somit auch Kaiphas, den römlischne Henkern, Pilatus. Jesus instrumentalisierte quasi die damaligen Verhältnisse, sein Erlösungswerk freiwillig in Szene zu setzen, aber nicht als Schauspiel, sondern ist durch das knallharte zutiefst schmerzhafte Leiden am Kreuz für uns hindurchgegangen. WAs machen wir? Wir suchen noch heute Schuldige. Aber wir haben es den Juden noch heute nicht verziehen, obwohl sie damals nach dem damaligen Recht gehandelt haben? Ich danke dem jüdischen Volk für Jesus. Die größten Heiligen der Bibel waren Juden, von Maria bis hin zu den Aposteln und Jüngern. Juden hätten allen Grund, auf Jesus stolz zu sein, dass es Menschen gibt, die einen Juden (selbstverständlich ist Gott kein Jude, da gibt es keine Nationaliäten mehr) als Bestandteil Gottes verehren. Wow. Das ist Weltmeisterschaft in anderen Dimensionen. Jesus hat in den Augen der Juden Schuld auf sich geladen. Ist er aber Gottes Sohn, wie wir glauben, hat er keine Schuld auf sich geladen und ist somit ungerecht behandelt worden. Aber: Konnten die Juden diese Wahrheit erkennen, wenn sogar die eigenen Jünger diese nicht erkannt haben? Ich meine, nein. Der christliche Antisemitismus wurde somit von vornherein auf tönerne Füße gestellt, die in sich zusammenbrechen mussten.

    Wenn wir Jesu Erlösungswerk, nämlich den Kreuzestod, richtig beurteilen, hat Jesus bei der Gefangennahme völlig richtig gehandelt, indem er das Ohr des Malchus wieder heilte. Er wollte damit eine bewaffnete Auseinandersetzung mit den Knechten der Obrigkeit unbedingt vermeiden. Petrus und die Jünger waren alles andere als kampferprobt. Somit wäre die Kirche/Christentum schon beseitigt worden, bevor sie überhaupt entstanden wäre. Jesus brauchte nicht nur den öffentlichen Prozess der Römer für sein Erlösungswerk, sondern auch lebende Apostel, die sein Werk hätten weiterführen können. Das Wort Jesu: Steck Dein Schwert in die Scheide, heißt nicht, dass keine Waffe zur Verteidigung hätte mitgeführt werden dürfen, sondern nur jetzt nicht in diesem Moment des Beginnes des inneren Kerns seines Erlösungswerkes. Er hat nicht gesagt: Wirf das Schwert im hohen Bogen weg. Das ist nicht christlich. Das Schwert in die Scheide stecken, heißt, es weiterhin mit sich führen zu dürfen. Denn diese Äußerung Jesu war mit eine stärkster Begründung verbunden! Es heißt: Der Kelch, den MIR der Vater gegeben hat – soll ICH ihn NICHT trinken? Eine psychologisch aufgebaute tiefschürfende Frage gerichtet an Petrus, dem Schwertführer. Er hat nicht gesagt, dass es unchristlich sei, sich zu verteidigen. Während er sonst gerade Petrus äußerst grob mit seinen Einwänden als „Satan“ bezeichnet und ihn von sich stößt, sagt er, eine fragt er jetzt in dieser Situation schon fast zärtlich diese Begründung, die Petrus natürlich nicht in ihrer Dimension verstehen kann, wir dagegen schon, Petrus erst im Nachhinein der Auferstehung auch. Hier, als Jesus sah, dass Petrus ihn „militärisch“ verteidigen wollte, bezeichnet er ihn neben nicht als „Satan“ und macht ihm lautstarke Vorwürfe. Hier wäre es dann doch angebracht gewesen, oder?

    Dieses intensive erschütternde Frage-Wort ist seinem persönlichen Erlösungsvorhaben für die Menschheit geschuldet. Ohne seine Apostel wäre niemals das Christentum entstanden. Und Jesus wollte unter allen Umständen vermeiden, dass aggressive Gewalt bei der Entstehung des Christentums im Spiel war wie z. B. bei der Entstehung des Islams. Niemand sollte sich auf Jesus berufen können, dass aggressive Gewalt als ein Mittel zur Erreichung eines jesuanischen Ziels überhaupt in Erwägung gezogen werden konnte. Damit waren christliche Terroranschläge aus ihrer jesuanischen Begründung heraus völlig unmöglich, im Gegensatz zu den islamischen Terroranschlägen, die sich direkt auf Mohammad berufen können.

    Aber Jesus hat offensichtlich auch seinem inneren Kreis nicht verboten, Schwerter mit sich zu führen, nicht um aggressiv gegen irgendwen handeln zu können, sondern damit sich die Gruppe in diesen unruhigen Zeiten verteidigen konnte, obwohl Jesus als Wundertäter bekannt war, der in seiner göttlichen Mission auf Schwerter nicht angewiesen gewesen wäre.

    Sorry für diese langen Statements. Aber es ließ mir keine Ruhe. Wir sollten doch die Bibel als Grundlage unseres Handelns nehmen. Zwischen den Zeilen zu lesen, so meine ich, ist mehr als angebracht in diesen tödlcihen Zeiten für Christen.

    • Ja, der Hinweis darauf, dass das Schwert sehr wohl mitgeführt werden durfte, es eben nur in der Gethsemanesituation nicht zur Anwendung kommen sollte, wird auch in den von mir schon erwähnten Artikeln bei „maghrebchristians“ angeführt. Ich störe mich aber noch immer an der Absolutheit der Aussage des „Wer das Schwert nimmt…“. Ist das nur Alltagslogik, dass „wer sich in Gefahr begibt, auch darin umkommt“ sozusagen, oder wie tief ist die Weisheit, die dahinter steckt wirklich ? Immerhin sagt Christus ja auch nicht: „Benutzt NIE UND NIMMER Schwerter, macht sie zu Pflugscharen, damit ihr brave Schafe unter Wölfen sein könnt.“ Das wäre sozusagen die „Kässmann“-Variante, die heute in weiten Teilen der deutschen Christenheit unter dem Einfluss der Nazi-Zeit bevorzugt wird. Lieber in allem Opfer sein, als die Gefahr einzugehen, auch mal ein Täter werden zu können. Das Verbot des Waffengebrauches ganz allgemein hätte Er geben können, hat es aber offensichtlich unterlassen. Stattdessen gibt Er dieses Alltags-Statement von sich.
      Ebenso wie Jesus eben auch, darauf haben Sie ja sehr intensiv hingewiesen, Petrus hätte gebieten können, sein Schwert wegzuwerfen. Auch das geschah nicht. Hier folge ich Ihrer Argumentation nun endgültig komplett, wenn ich ebenfalls behaupte, dass Jesus wusste, dass die Gemeinde sich auch einmal würde verteidigen müssen, um die Nachricht „am Leben zu erhalten“. Wobei wir nun endültig in der Gegenwart angekommen wären. Jetzt, wo ganze Länder, Regionen, ja fast schon (Sub-) Kontinent in der Gefahr stehen, dechristianisiert, also „christenrein“ gemacht zu werden, gerät das Evangelium in Gefahr, nicht mehr gelebt, nicht mehr gepredigt zu werden etwa in Teilen Nigerias und Kameruns, Kenias und Äthiopiens, sowie im kompletten Somalia, Libyen und Marokko, usw. …. Syrien und den Irak muss man ja kaum noch erwähnen, da sie ausnahmsweise ja in den Medien vorkommen, wenn auch nur wegen der Vertreibung der Jesiden.
      Wenn also die „Gute Nachricht“ nicht mehr vor Ort in „Aktion“ angesehen werden kann, wieviel bringen dann z. Bsp. die gutgemeinten Satelliten-TV-Programm evangelistischer Art für solche Regionen oder Radiosendungen ? Wer als am Christentum interessierter Mensch keine Christen mehr vorfindet, mit denen er ins Gespräch und in den Erfahrungsaustausch treten kann, wird der nicht schnell wieder in seine religiöse Routine zurückfallen ? Und genau das wollen die Islam-Terroristen ja: absolute Hegemonie über die „geistliche Landschaft“ dieses Planeten. Und damit de facto dann auch über Politik, Ethik, Jurisprudenz, denn im Islam gibt´s ja keine Trennung von Moschee und Staat bzw. Alltag.

  5. Werter Stefanus, herzlichen Dank. Es war eine Freude, sich mit Ihnen über diese Thematik auszutauschen. Das verklärte Christentum des Pazifismus in Reinkultur scheint mir eine Schimäre zu sein. Das Notwehr-Christentum ist m. E. legitim.
    Danke nochmals für Ihre Statements.

  6. Pingback: Dürfen Christen gegen IS zur Waffe greifen? | kopten ohne grenzen

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