Türkei: Kirchenwebseite als „Pornographie“ gesperrt

Nun, alle eifrigen Medienkonsumenten wissen, dass die Regierung Erdogan in der Türkei langsam aber sicher immer mehr Probleme mit Teilen der Bevölkerung hat. Trotz teilweise überzeugender Wahlergebnisse, die zum größten Teil der ländlichen Bevölkerung zu verdanken sind, hat die AKP des „Lideri“, des „Anführeres“ Recep Tayyip Erdogan, ihre liebe Mühe, die gebildeteren Schichten und vor allem die Bevölkerung der Großstädte für sich zu gewinnen.

Türkei

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Außerdem spielen Dinge wie „Menschenrechte“ für den Kapitalismus-Islamisten Erdogan ganz offensichtlich keine Rolle, wie die Gleichschaltung der Presse (ein Experte nannte unlängst ca. 80 % aller türkischen Medien vorsichtig „regierungsnah“), die kalte Entmachtung des einst ungeheuer einflussreichen Militärs, die „Ausrichtung“ der Justiz und vor allem die brutale Niederschlagung jeglicher Art von zivilem Ungehorsam Marke „Gezi-Park“ beweisen. (Über seine unsäglichen und von der deutschen Politik und den Medien weitgehend abgenickten Wahlkampfauftritte in unserem Lande decke ich an dieser Stelle mal den Mantel des Schweigens. Es gibt genug Experten, die darüber sicher mehr sagen können.) Auch der Umgang seiner Kamarilla mit den Protesten nach dem Grubenunglück (Prügelattacken statt Gespräche) spricht für die „politische Kultur“, die Herr Erdogan pflegt. Kein Wunder also, dass soziale Netzwerke, in denen schon mal Videos oder Audiofiles auftauchen, die die immense Korruption der AKP oder ihre zweifelhaften Praktiken in der Innen- und Außenpolitik aufdecken, dem „Großen Vorsitzenden“ ein Dorn im Auge sind und er sie gerne mal abschalten lassen möchte, wie es in Kuba, Nordkorea oder z. T. im Iran üblich ist. Unlängst z. Bsp. war youtube in den Focus der selbsternannten „Sittenwächter“ des Herrn Recep E. geraten und der Dienst gesperrt worden.

Welche Auswirkungen diese „Macht alles platt, was mir nicht passt !“-Politik des Führers (ja, ich benutze das Wort bewusst, A.H. hat auch mal Wahlen „gewonnen“ und einen hässlichen Schnäuzer) aller Türken auf ganz alltägliche Situationen haben kann, zeigt das Beispiel des Parlamentsabgeordneten Aykan Erdemir, der sich auf einen Besuch in Diyarbakir vorbereiten wollte. Da er bei seinem Aufenthalt in der südost-türkischen Metropole auch eine dortige Kirche besuchen wollte, loggte er sich in seinen Abgeordneten – Büros in den Rechner ein und wollte die entsprechende Webseite aufrufen. Er kam nicht weit mit diesem Versuch, denn er bekam eine Meldung angezeigt, dass diese Seite wegen „pornographischer Inhalte“ gesperrt sei. Hm. Nun ja, vielleicht war ja ein Kruzifix mit einem fast nackten Jesus auf einem Foto abgebildet. Nein, das geht nun wirklich nicht. So viel Haut und noch dazu eine „gottlose“ Abbildung eines Menschen. Das grenzt ja tatsächlich ans Pornographische. Was sich diese „Ungläubigen“ da wieder erlauben….

Sie sehen, liebe Leser, auch mir bleibt manchmal kein anderes Stilmittel, um mein Unverständnis auszudrücken, als die nackte Ironie. Nun, aber der Abgeordnete Erdemir recherchierte weiter. Er und einige andere Parlamentarier versuchten nun, nicht nur die Seite der Kirche von Diyarbakir, sondern auch die Webauftritte anderer, türkischer Kirchen zu erreichen. Fehlanzeige. Alle Seiten waren mit verschiedenen Begründungen gesperrt. Offiziell gäbe es keinen „Bann“ auf die Webseiten, und, wie die Abgeordneten feststellten, beschränkte sich die Internetsperre zunächst nur auf das Netzwerk des Parlamentes. Auf eine Beschwerde von Aykan Erdemir hin wurde diese von den zuständigen Webmastern auch wieder entfernt. Aber dennoch bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Erdemir, der den Distrikt Bursa für die „Republikanische Volkspartei“ vertritt, soll sich jedenfalls extrem kritisch zu den gezeigten Zensurmaßnahmen geäußert haben. Er will darin eine wachsende Ablehnung christlicher Kirchen erkannt haben und führt dies auf eine immer feindseligere Haltung der türkischen Machthaber gegenüber jeglichen Minderheiten im Lande zurück. Der Pastor der betreffenden Kirche aus Diyarbakir, Achmed Güvener, wird in den Medien jedenfalls wie folgt zitiert:

Sie (die Machthaber) versuchen nur, die Politik und Agenden ihrer Partei voranzutreiben mit aufhetzerischen Reden und herabwürdigender Sprache. Das ist peinlich und unverschämt und sie sollten sich dafür entschuldigen.

Aber Pastor Güvener, der vor einigen Jahren vom Islam konvertierte, hat noch mehr zu erzählen. Er gibt zu Protokoll, dass er sich nicht mehr als gleichberechtigter Bürger der Türkei ansieht. Seit 2007 werde z. Bsp. sein Telefon abgehört. Dies werde indirekt mit dem Malatya-Massaker begründet (wir haben hier im Blog darüber geschrieben, oder googlen Sie doch einfach den Namen „Tilman Geske“). Auch würde er immer wieder mal zur Polizei hinzitiert, um nach Dingen befragt zu werden, über die er am Telefon mit anderen Gläubigen gesprochen hat. Er schätzt die Lage so ein, dass die Sicherheitsbehörden das türkische Christentum, so schwach an Zahlen, an Mitteln und Gemeinden es auch noch sei, als eine der größten Bedrohungen für das Land ansehen. Pastor Achmed Güvener weiter:

Sie sehen türkische Christen wirklich nicht als echte Staatsbürger dieses Landes an. Die Türkei schüchtert hier ganz bewusst Christen ein, also gehe ich davon aus, dass sie auch ganz bewusst unsere Webseite geblockt haben.

Abschließend sei noch einmal der Abgeordnete Aykan Erdemir aus Bursa zitiert, der sich recht pessimistisch über die Zustände in seinem Heimatland äußert:

Die Politik des Premierministers (Erdogan) profitiert derzeit von Polarisierung, Diskriminierung und Hassrede. Deshalb habe ich keinerlei Erwartungen an die Regierung, was den Aufbau einer multikulturellen, pluralistischen und toleranten Gesellschaft angeht.

Wir sehen: es gibt viel zu erbitten vom Vater im Himmel. Fangen wir doch vielleicht einmal damit an, dass wir für die kleinen, türkischen Christengemeinden beten, die derzeit noch nicht einmal offiziell registriert werden können. Angeblich soll es Initiativen dahin geben, dies zu ändern und somit „offizielle“ Kirchen einrichten zu können, aber das bleibt erst einmal abzuwarten. Bis dahin befinden sich alle Versammlungen von türkischen Christen mehr oder minder in der Illegalität oder zumindest in rechtlichen Grauzonen.

(Quelle: „world watch monitor“ vom 31. Mai 2014)

 

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