Ägypten: Lehrerin noch immer im Exil, Verfahren läuft…

Was Christen in Ägypten so passieren kann, wenn sie andere Jobs ausüben, als Straßenkehrer oder Landarbeiter, das erzählt die Geschichte von Demyana Abd-al-Nur, einer koptischen Grundschul-Lehrerin aus Oberägypten. 

Ägypten

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Die Koptin Demyana Abd-al-Nur, 25, arbeitete als Sozialkunde-Lehrerin in einer Grundschule von Al-Edisat in der Luxor-Provinz. Sie unterrichtete ihre Schüler u. a. auch in Geschichte, speziell der Geschichte Ägyptens. Und wir Europäer, die eine gute Bildung als Grundlage für ein gutes, selbstbestimmtes Leben ansehen, wissen ja, dass es da viel zu unterrichten gibt. Die ägyptische Kultur gehört ja zu den ältesten Hochkulturen der Welt. Die Monumente, die von ihr über die Jahrtausende hinweg noch erhalten sind, locken jährlich unzählige Touristen an den Nil. Filme („die Mumie“, „Scorpion King“….), Bücher (Stichwort: „Pauline Gedge“), TV-Dokumentationen und sonstige Produkte der Pop- und Alltagskultur befassen sich mit den Pharaonen, ihrem Reich, ihren Bauten, ihrem Alltag. Der Totenkult der Ägypter wird von Esoterikern erforscht, Ärchäologen befassen sich mittlerweile mit Detailaspekten wie der Zusammensetzung altägyptischer Kosmetika usw.

So ist es also auch nicht verwunderlich, dass eine verantwortungsbewusste Lehrerin ihren Schülern vom „Ketzerkönig“, dem Pharaoh Echnaton (der Mann der Nofretete übrigens, deren Büste viele, viele Besucher im „Alten Museum“ in Berlin jedes Jahr betrachten) berichtete, der sich einstmals aufmachte, die Vielgötterei in Ägypen abzuschaffen. Ob dies ein vorwiegend politisches Unternehmen war, um der ausgreifenden Macht der Priesterkaste einen Dämpfer zu versetzen, oder ob Echnaton tatsächlich davon überzeugt war, das ein dem Sonnengott „Aton“ gewidmeter Monotheismus für sein Land das Richtige wäre, darüber streiten Historiker wohl immer noch. Sei´s drum: die Lehrerin al-Nur erzählte den Kindern davon, denn dies gehört zum staatlich anerkannten Lehrinhalt für ägyptische Schulen. Machen wir doch an dieser Stelle mal ein Gedankenspiel und damit auch eine kleine „Pause“ in der Erzählung.

Was würde wohl in einer deutschen Schulklasse in….sagen wir mal Braunschweig (setzen Sie doch an dieser Stelle Ihren eigenen Wohnort ein, wenn Sie mögen, das tut dem Gedanken keinen Abbruch) passieren, wenn in der Geschichtsstunde von Echnaton erzählt wird ? Ich vermute, das „große Gähnen“ würde durch die Reihen unserer Eliten von Morgen gehen, denn Geschichte gehört bekanntermaßen zu den „langweiligen“ Fächern. Das war schon in meiner Generation so (vor über 35 Jahren !) und hat sich sicher nicht geändert, denn „wer will schon von irgendwelchem, alten Kram hören“. Wir leben ja alle im „Hier und jetzt“ und maximal machen wir noch Pläne für Morgen. Geschichte fassen wir am liebsten überhaupt nicht mehr an. Wie auch immer: eine Geschichtsstunde über die Ideen des „Ketzerkönigs“ Amenophis IV, der sich später „Echnaton“ nannte, ist in Bildungs-affinen Gesellschaften sicher kein Skandal. Hierzulande eher eine Schlafstunde für die vom „Twittern, Facebook-Pósten und sich Aufstylen“ ermüdeten Schüler unserer Tage.

Ganz anders in Ägypten. Die Tatsache, dass es schon einmal einen Versuch gab, den Monotheismus im Land am Nil zu etablieren, Jahrtausende bevor Ägypten eine christliche Nation und dann später durch die Angriffe aus Arabien ein islamisch dominiertes Land wurde, scheint islamische Geistliche auf die Palme zu bringen. Und Palmen gibt´s ja tatsächlich dort unten zur Genüge. Was nun aber gar nicht lustig ist, ist das Folgende: Frau Abd-al-Nur wurde nun von ihren eigenen Schülern wegen angeblicher „Blasphemie“ angeschwärzt, von deren Eltern UND EINIGEN KOLLEGEN attackiert und schließlich am 10. April 2013 auch angezeigt. Nach Artikel 98f des ägyptischen Strafrechts kann sie deshalb tatsächlich verurteilt werden. Am 09. Mai 2013 erging dann auch eine Anweisung, die Lehrerin in eine mehrwöchige Untersuchungshaft zu nehmen. Sie wurde nach Hinterlegung einer „Kaution“ (in Ägypten und anderen, islamisch geprägten Ländern ein allgemein anerkannter Euphemismus für Bestechungsgeld.) von 20.000 ägyptischen Pfund wieder auf freien Fuß gesetzt. Im Frühjahr 2013 begann denn auch folgerichtig ihr Prozess. Ein Prozess, in dem die Richter weder Zeugen zuließen, die zu Gunsten von Demyana Abd-al-Nur ausgesagt hätten, noch schriftliche Protokolle und Aussagen zuließen, die ihr hätten helfen können, den ganzen Unsinn dieses Verfahrens deutlich zu machen. Diverse Menschenrechtsgruppen innerhalb und außerhalb Ägyptens haben denn auch sowohl die Anklage, als auch den Prozess als nicht nachvollziehbar verurteilt, aber das hält ja bekanntlich Fanatiker nicht davon ab, IHRER Art der „Gerechtigkeit“ zum Sieg verhelfen zu wollen.

So soll denn auch der gesamte Prozess eine Farce gewesen sein. Eine Untersuchung des sog. „school boards“, einer Kommission aus Eltern und Schuldirektoren, lag bereits seit Längerem vor und entlastete die Lehrerin. Es sollen ebenso wieder mal gefälschte Dokumente und erzwungene Zeugenaussagen der Schulkinder im Spiel gewesen sein, die natürlich auf Seiten der Anklage zugelassen wurden. Am 11. Juni 2013 schließlich erging das erstinstanzliche Urteil wegen „blasphemischer Äußerungen“ gemäß Art. 98f, Strafrecht, gegen Frau Abd-al-Nur. Sie wurde zu einer Geldstrafe von 100.000 ägyptischen Pfund verurteilt, umgerechnet ca. 10.287 Euro. Für eine Lehrerin auf dem „Lande“ eine unerschwingliche Summe. Aber zu diesem Zeitpunkt war Demyana schon gar nicht mehr im Lande.  („Seid schlau wie die Schlangen und sanft wie die Tauben“ – Mt. 10, 16 / unsere Kirchen vergessen leider immer wieder den ersten Teil zu predigen ! Die koptische Kirche aber vielleicht nicht.) Sie hatte sich mit Hilfe von Freunden ins französische Exil begeben, da sie von vornherein keinen fairen Prozess erwartete. Wer weiß, was ihr an Einschüchterungen und Anfeindungen in der Untersuchungshaft (auch von den Sicherheitskräften, wir kennen das aus vergleichbaren Fällen) angetan worden wäre. Von den Anfeindungen ihrer Ankläger und dem aufgeheizten, antichristlichen Klima in ihrem Heimatort mal ganz zu schweigen.

Fassen wir noch einmal zusammen: Weil eine christliche Lehrerin Geschichte unterrichtete, wurde sie von fanatischen Muslimen verklagt, von einer alles andere als neutralen Erstinstanz verurteilt und sah sich dazu gezwungen, aus dem Land zu fliehen. Nun muss sie abwarten, ob sie in einer höheren Instanz dann doch noch etwas weltliche Gerechtigkeit erfährt und sie so überhaupt nur wieder darüber nachdenken kann, in ihre Heimat zurückzukehren, oder ob sie weiterhin vom Justizsystem Ägyptens diskriminiert wird, weil sie ihre Arbeit getan hat, und somit im Exil bleiben muss. Es liegt der Verdacht nahe, dass eine muslimische Lehrerin, aber vor allem ein männlicher, muslimischer Lehrer, der diesen Teil der ägyptischen Geschichte unterrichtet hätte, wohl nicht angeklagt worden wäre und es sich bei dem ganzen Prozess also um die Diskriminierung einer Frau, speziell einer Christin, handelt. Und was haben die Islamfanatiker eigentlich gegen Bildung und einen ordentlichen Geschichtsunterricht ? Ach, ja, „Boko Haram“ (nigerianische, islamische Terrorgruppe) heisst ja soviel wie „Bildung ist verboten“. Anscheinend auch in Ägypten. Ein interessantes, beispielhaftes Bild von den derzeitigen, sozialen Verhältnissen einer einstigen Hochkultur. Rotiert Echnaton jetzt im Grab ?

(Quelle: „morningstar news“ vom 02. Mai 2014)

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