China: Kulturkampf in Wenzhou

Wie es um die Lage des Christentums in Ländern bestellt ist, in denen so etwas wie freie Religionsausübung von der „Stimmung“ oder „guten Laune“ diverser Staatsbürokraten abhängig ist, kann man derzeit gut in China beobachten. Dort wurde gerade ein umstrittener Kirchenbau „kalt“ beseitigt. Cui bono ?

sanjiang demo 1

Sanjiang-Kirchenruine in Wenzhou

Was ist dort eigentlich passiert ? Nun, seit längerem gibt es einen Streit in der südostchinesischen Stadt Wenzhou zwischen lokalen Staats- und Parteifunktionären einerseits und der dortigen „Sanjiang“-Kirchengemeinde andererseits. Diese Gemeinde gehört zur offiziell anerkannten „Drei-Selbst-Bewegungs“-Kirche und ist damit auch eine der staatlich registrierten, evangelischen Kirchengemeinden in China. Diese unterscheiden sich gewaltig von den halblegalen und illegalen Hauskirchen, die oftmals aus einer Art „Semi-Untergrund“ heraus operieren müssen. Die Drei-Selbst-Kirchen jedoch konnten bis vor Kurzem völlig legal und ohne staatliche Repressionen ihrer Aufgabe nachgehen. Es ist auffällig, dass sich in dieser Hinsicht über ganz China hinweg der Wind jedoch gedreht zu haben scheint und die Drei-Selbst-Kirchengemeinden nun ebenfalls nicht mehr nur überwacht und staatlich reglementiert werden, sondern auch immer stärkerem Druck und stärkerer Einschränkung ihrer Rechte durch regionale und überregionale Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas ausgesetzt sind. Besorgniserregend.

In diesem Zusammenhang muss auch der Konflikt zwischen Staatsapparat und Kirchengemeinde in Wenzhou gesehen werden. Zugegeben: die Sanjiang-Gemeinde hatte ursprünglich die Baugenehmigung für ein deutlich kleineres Gebäude erhalten. In der Folge hatte sie aber ihr an gotische Kathedralen erinnerndes Bauprojekt unter freundlichem „Augenzudrücken“ der lokalen Baubehörde soweit ausgedehnt, dass es nun ein vielfaches an Raum einnahm. Im Herbst 2013 unternahm nun der oberste, kommunistische Parteisekretär der Zhejiang-Provinz, Xia Baolong, eine Tour durch Wenzhou und störte sich massiv an dem repräsentativen Kirchenbau. Von nun an war es vorbei mit dem „Augenzudrücken“ und der teilweisen Sympathie verschiedener Funktionäre. Nun wurde auf die Überschreitung der Baugenehmigung abgehoben und auf das Abmontieren des Turmkreuzes sowie einen möglichen Abriss des gesamten Baus gedrängt.

In diesem Moment mobilisierte die Sanjiang – Gemeinde ihre Schäfchen, die in weiser Voraussicht und aus der Erfahrung anderer, chinesischer Kirchen lernend, damit begannen, das Gebäude zu bewachen. Als Ende März/Anfang April 2014 die Lage zu eskalieren drohte und die lokalen Kommunisten bereits erstmals Baumaschinen zum Abriss der Kirche auffahren ließen, bildeten Sanjiang-Christen und befreundete Gläubige anderer Kirchen menschliche Schutzwälle. Der Fall war so Aufsehen-erregend, dass er es in die internationalen Nachrichten schaffte.
Schließlich wurde aber zwischen den Konfliktparteien ein Kompromiss ausgearbeitet, der am 07. April 2014 in Kraft trat. Dieser sah vor, dass die Kirche zwei Stockwerke eines Kirchenanbaus zurückbauen würde und dafür das Turmkreuz stehen bleiben könne. Aber, liebe Leser, das werden Sie heutzutage nicht mehr oft hören, dennoch,  sage ich es noch ganz offen: Kommunisten darf man eben nicht über den Weg trauen („Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“….) und so bin ich tieftraurig, Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Sanjiang-Kirche am 28. April 2014 nun offensichtlich doch abgerissen wurde, nachdem die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit etwas nachgelassen hatte und wohl auch keine Menschen-Schilde mehr das Gebäude bewachten. Am Morgen sollen die Straßen um die Kirche herum abgeriegelt worden sein und die Schwermaschinen rückten zum Abriss an.

Über das „warum“ und das „warum-jetzt“ gibt es diverse Spekulationen auf chinesischen und englisch-sprachigen Webseiten. Es soll wohl eine Mischung aus verschiedenen Faktoren gewesen sein. Die wieder anlaufende Repressionswelle gegen das offensichtlich in China blühende und gedeihende Christentum wird ebenso ein Motivator gewesen sein wie verletzte Eitelkeiten der betroffenen Parteibonzen der Zheijang-Provinz und der Stadt Wenzhou. Wie kann sich dieser „christliche Mob“ auch erdreisten, den selbstherrlichen Oberkommunisten Widerstand entgegenzubringen, noch dazu in einer Art „zivilen Ungehorsams“ ? So etwas kennt man wahrscheinlich schon seit den Zeiten der Kaiser nicht mehr und hält es für eine Bestätigung der These, dass das Christentum die staatliche Autorität gefährde. Dabei bleibt völlig unberücksichtigt, dass gerade Christen meist die geduldigsten und treusten „Untertanen“ sind, da sie ja angehalten werden „Gott zu geben, was Gottes und dem Kaiser was des Kaisers“ ist. Nur eben, wenn man sie nicht mehr in Frieden Gott die Ehre geben lässt, dann regt sich in manchen Ländern halt Widerstand (Nigeria, Zentralafrika, China,…). Manchmal wünschte ich mir, ein bischen von diesem „Wir wollen unsere Kirche nicht zerstört sehen“-Geist wehte auch durch unsere Gemeinden und die „Laien“ würden anfangen, ihre Kirchengebäude, ihre Glaubensinhalte und biblischen Prinzipien in Wort und Tat zu verteidigen. Denn nicht nur chinesische, kommunistische Funktionäre greifen mit Baggern und Raupenfahrzeugen die Kirche physisch und deutlich erkennbar an, sondern sie wird auch von „innen“ sozusagen durch falsche Lehre und Anpassung an einen immer absurdere Exzentrizitäten hervorbringenden Zeitgeist attackiert.

Oh, ich schweife ab, liebe Leser, bitte verzeihen Sie mir, ab und an gehen meine Gedanken beim Schreiben auf Reisen. Wie auch immer, wir werden mal schauen, wie das mit der Sanjiang-Kirche weitergehen wird in Wenzhou. Bitte beten Sie doch auch einmal, wenn es Ihnen gefällt, für Trost und Zuspruch, den unser Herr den Gläubigen der Sanjiang-Kirche zukommen lassen möge.

(Quelle: „world watch monitor“ vom 28. April 2014)

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3 Gedanken zu “China: Kulturkampf in Wenzhou

  1. Das wundert mich jetzt aber sehr, das selbst gegen die Staatliche Kirche in China Vorgegangen wird. Warum? Da Herr Kauder von der CDU vor ein paar Tagen vermelden ließ : ,,das es in China mit der Christenverfolgung wesentlich besser wird und nur in einigen Provinzen hier und da Einschränkungen möglich sind“ !

    Habe ich selbst gelesen! Ich komme ja aus der DDR habe auch in Stasiknast gesessen und weis das man Kommunisten tatsächlich nie Trauen darf!!!
    Auch wenn es z.b. bei den „Linken“ es scheinbar zahme Lämmer gibt….bis eventuell sich Russland auch noch den Osten Deutschlands wieder zurückholt. (oh jetzt habe ich aber eine weite Phantasie )

    • Ja, die Anzeichen verdichten sich, dass tatsächlich auch die staatlich registrierten Kirchen in China, die bisher dank einer starken Kontrolle des Staates über ihre Finanzierung, ihre Kontakte und die Predigtinhalte, ansonsten in Ruhe werkeln konnten, jetzt immer öfter mal mit den Hauskirchen über einen Kamm geschoren werden. Vor allem, wenn solche Gemeinden eine gewisse Größe und Ausstrahlung in ihrer jeweiligen Region erreichen, dann gibt´s öfter mal eins auf den Deckel, damit die KP zeigen kann, wer (immer noch) Herr im Hause ist.
      Zur „Causa“ Kauder nur soviel: ich persönlich schätze ihn als einen der wenigen, deutschen Politiker ein, die wirklich über das Thema Bescheid wissen, die es ohne Rücksicht auf den „Nervfaktor“ und den Zeitgeist in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder offen darüber sprechen und sich auch auf entsprechenden Veranstaltungen der Hilfswerke selber informieren. Man mag seine Partei mögen oder nicht, aber dafür kann man ihn respektieren. In Sachen China gibt er eigentlich nur wieder, was ein Teil der mit Christenverfolgung befassten Werke („Kirche in Not“, auch „open doors“ ab und an) als Linie vertreten: es werde langsam besser dort. Ich persönlich gehöre eher zu den Skeptikern dieser Einschätzung. Zwar hat das Christentum wohl tatsächlich in einigen Regionen regen Zulauf, aber die Widerstände von Seiten der KP wachsen ebenfalls oder auch bestimmte Wirtschaftsinteressen kollidieren immer wieder mit den Kirchen. Es gibt sogar Gerüchte, nach denen bereits vor einiger Zeit ein regelrechter „5-Jahresplan“ gegen die Kirchen ausgearbeitet und in Gang gesetzt worden sei. Deshalb wohl auch die Angriffe gegen die staatlichen Kirchen. Ich halte es also mehr mit „China Aid“, die über jeden noch so kleinen Fall berichten, als mit denen, die vorschnell alles schönreden und schönschreiben wollen. Dennoch kann sich auch Kauder mit seiner Linie auf seriöse Quellen berufen, das will ich nicht bestreiten.
      Was nun den Osten Deutschlands angeht, von dem hat Russland ja schon ein Stück (Memelgebiet, nördliches Ostpreussen). Ich denke mal, mehr wollen die lieber nicht. Die haben ja mit der Krim und der Ost-Ukraine schon alle Hände voll zu tun. 🙂
      In diesem Sinne: Danke für die Rückmeldung ! 🙂

  2. Ich hatte bei dem letzten Parteikongress, der mit der Neubesetzung der Regierung endete ein mulmiges Gefühl im Bauch. Das hatte ich bei Hu Jintao als President nicht. Der neue President Xi Jingping gibt sich freundlich und weltoffen; aber der Schein trügt. Ich hatte mit China seit 1982 Kontakt es waren durchweg freundliche liebenswerte Menschen und bin selbst seit 11 Jahren mit einer Chinesin verheiratet. In China habe ich ca 1 Jahr+ verbracht. Wir kennen diese Kirche in Wenzhou und waren zur Eröffnung eingeladen. Einen so brutalen, barbarischen Rückfall in die „Kulturrevolution“ hätte ich nie für möglich gehalten. Diese Menschen haben Niemand geschadet. Im Gegenteil, sie haben für den Aufbau China’s gearbeitet. Der neue President Xi Jingping hat meine Sicht über China und ihn selbst sehr negativ beeinflußt. Hoffentlich geht es den deutschen Firmen die in China investiert haben nicht auch so, ich habe jetzt bedenken.

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