Deutschland/Nigeria: die üblichen Fehlvorstellungen

Oft genug habe ich es hier im Blog oder auch in persönlichen Gesprächen beklagt: bei der Betrachtung des Bürgerkrieges in Nigeria verfangen sich deutsche Medien oder Menschenrechtler immer wieder in den Details und scheinen die große Linie nicht wirklich zu begreifen, auf der sich der Konflikt im bevölkerungsreichsten Land Afrikas entlangbewegt.

Karte von Nigeria.

Nigeria

In einem kürzlich dem christlichen Medienmagazin „PRO“ gegebenen Interview beweist leider auch der Afrika-„Experte“ der Menschenrechtsgruppe „Gesellschaft für bedrohte Völker“, Ulrich Delius wieder diese gefährliche Mischung aus z. T. absolut korrekter Analyse der Situation und völliger Verkennung daraus abzuleitender Erkenntnis. In aller Kürze möchte ich hier nur schnell ein wenig die Aussagen von Herrn Delius zum Thema Nigeria kommentieren, da sie mir stellvertretend für viele in den deutschen Massenmedien geäußerten Ansichten zu stehen scheinen. Durch die permanente Wiederholung werden sie aber leider auch nicht wahr, sondern verfestigen sich nur als „Kleister“ vor den Augen derer, die sich ein klares Bild von den Verhältnissen vor allem im Norden Nigerias machen wollen. Im hier in der Folge zitierten Interview äußerte sich Ulrich Delius zwar auch zum Thema der Konflikte in Zentralafrika, aber dieses Thema stelle ich heute einmal hintenan.

Also, auf die entsprechende Nachfrage des PRO-Journalisten Johnathan Steinert, gab Herr Delius von der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ nun folgende Beschreibung des „Boko-Haram-Terrors“ in Nigeria ab (Hervorhebungen von mir):

Nigeria ist ein Vielvölkerstaat, wo überwiegend im Norden des Landes Muslime leben, in den südlicheren Regionen überwiegend Christen. Boko Haram ist eine islamistische Terror-Sekte, die das Land gezielt destabilisieren will, um den Zusammenbruch des Staates auszulösen und einen islamischen Gottesstaat aufzurichten.Sie hat auch immer gesagt, sie wendet sich gegen Christen. Jetzt beobachten wir, dass sich der Terror gegen alles richtet, was den Staat repräsentiert und was für Stabilität in Nigeria stehen könnte. Das tut sie mit einer Konsequenz und Brutalität, die ihresgleichen sucht. Jede Woche gibt es über hundert Tote in Nordnigeria bei Anschlägen sowohl auf Kirchen als auch auf Moscheen, wie auf Dörfer insgesamt oder auf Reisende. Es ist eine absolute Unsicherheit in der Region, die den Menschen dort das Leben zur Hölle macht. Boko Haram ist sehr effektiv in ihrem Terror.

Soweit, so bekannt. Jedem aufmerksamen Leser dieses Blogs oder einer halbwegs seriösen Tageszeitung dürften die Umrisse des Massenmordens in Nigeria bekannt sein. Ich begrüße auch ausschließlich die Beobachtung von Ulrich Delius, dass die „Boko Haram“ ihren islamischen Allahs-Staat (die Formulierung „Gottes-Staat“ finde ich ja bekanntermaßen immer unschön, weil so begrifflich Gott mit der Entitität, welche die Flugzeugbomber, Boko-Haram-Terroristen und Al-Shabaab-Christenmetzler anbeten, gleichgesetzt wird) in Nigeria errichten will. In dieser Klarheit trauen sich das in Deutschland nur noch wenige Medien zu beschreiben. Zwar hätte ich mir eine andere Formulierung gewünscht als „wenden sich gegen Christen“, da das in seiner klinischen Laborkittel-Kälte kaum dem blutigen, brutalen Geschehen im Lande gerecht wird, aber die Zielrichtung der Terroristen wird dennoch deutlich gemacht. Woher nun aber Herr Delius die Nachrichten von angeblichen Anschlägen auf Moscheen durch die Boko-Haram hat, weiss ich einfach nicht zu sagen. Alle Berichte, die ich seit mehr als 3 Jahren regelmässig durcharbeite, sprechen eher davon, dass sich in Moscheen die Waffen anfinden, mit denen dann die Boko-Haram oder ihre Helfershelfer wie das Volk der Fulani dann losmarschieren, um eine Polizeiwache, eine Kirche oder ein von Christen bewohntes Dorf dem Erdboden gleichzumachen. Hier müssen Sie tiefer ins Detail gehen, Herr Delius ! Denn natürlich werden auch Muslime Opfer von Bombenangriffen o. ä. , die von den Terroristen verübt werden, aber vor allem in ihrer Funktion als Beamte oder „Kollateralschäden“ bei öffentlichkeitswirksamen Explosionen auf Märkten oder Bahnhöfen. Hier muss ganz klar ausdifferenziert werden zwischen den gezielten Anschlägen auf Kirchen und Gottesdienste und eventuelle Kollateralschäden an einer Moschee, die vielleicht zu nahe an einer Kirche gestanden hat. Eine breitgestreute Welle von Boko-Haram-Gewalt gegen Moscheen gibt es einfach nicht und darf auch nicht durch unpräzise Formulierungen in einem Interview insinuiert werden, Herr Delius !

Von Johnathan Steinert auf die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen dem (öl-)reichen Süden und dem landwirtschaflichen Norden Nigerias angesprochen äußert sich Ulrich Delius dann folgendermaßen:

Das spielt auf jeden Fall eine große Rolle, weil man natürlich bei der Rekrutierung dieser vielen Kämpfer von Seiten Boko Harams auch auf die Armuts-Karte setzt. Man weiß, dass im Norden des Landes enorm viele junge Menschen perspektivlos sind und keine Arbeit haben. Letztlich sind die Menschen aber in allen Teilen des Landes arm. Denn vom Ölreichtum im Süden kommt kaum etwas bei den Menschen an, die im Niger-Delta leben, wo das Öl gefördert wird. Der stetige Machtmissbrauch und die massive Korruption, die wir bei nigerianischen Politikern aller Parteien beobachten, stößt die Menschen ab und treibt Gruppen wie Boko Haram immer neue junge Leute zu. Das ist der Nährboden, von dem die Gruppe zehren kann.

Hier wird also nun wieder die These von der Armut als grundlegender Vorraussetzung für die Gewalt in Nigeria vertreten. Immerhin macht sich Herr Delius noch die Mühe, festzustellen, dass ja letztlich die Menschen in ALLEN LANDESTEILEN arm sind. Auch sind ALLE Nigerianer von dem beschriebenen Machtmißbrauch und der Korruption ihrer Politiker betroffen. Warum aber hat sich dann nur im überwiegend muslimischen Norden eine Terror-Organisation ausgebildet, die, mit besten Kontakten zu islamischen Terroristen weltweit ausgestattet, sich in der Lage sieht, ihre Ziele von der Islamisierung Nigerias „wohlgemut“ anzugehen und dafür den Staat offen herauszufordern ? Warum gibt es keine animistischen Terroristen im Niger-Delta oder katholische Massenmörder-Trupps in Lagos ? Wenn man diese Frage ehrlich beantwortet, kommt man UNWEIGERLICH auf den religiösen Aspekt dieses Bürgerkrieges zu sprechen. Den Aspekt, der sich als roter Faden durch alle Konfliktlinien im Lande zieht, seien sie wirtschaftlich (arm-reich), ethnisch (Fulani-Birom) oder sozial (Ackerbauern gegen Nomaden) bedingt. Also auch hier wieder, mit dem Eingeständnis, dass ALLE Nigerianer von korrupten Politikern gegängelt und arm gehalten werden, beschreibt Ulrich Delius die Realität, ohne die korrekte Ableitung daraus zu wagen, dass jedoch nur die Muslime ihrem Unmut gewaltsam in einer „Brutalität, die ihresgleichen sucht“ (Originalton Delius) Luft machen. Hier wird wieder der erste Schritt gemacht, ohne den notwendigen zweiten zu gehen. Erbärmlich, und es wird noch „besser“, denn auf die „hilfreiche“ Nachfrage von Johnathan Steinert, ob es sich denn nun tatsächlich um einen Religionskonflikt in Nigeria handelt, bekommen wir dies zu lesen:

Die fast täglichen Angriffe auf Moscheen und Kirchen haben mit Religion nicht viel zu tun. Es geht hier um einen Machtkonflikt, bei dem sich eine Terrorgruppe des Glaubens bedient, weil sie weiß, dass sie dafür auch Schlagzeilen in der Weltöffentlichkeit bekommt. Wenn die Terroristen Anschläge gegen Christen verüben, ist sicher, dass sie in den Medien anderer Länder erwähnt werden.

Hier beginnt Ulrich Delius, der „Experte“, nun endgültig, sich selbst zu widersprechen. Völlig zu Recht hatte er vorher das Endziel der Terroristen als Allahs-Staat in Nigeria gekennzeichnet. Ihre Motivation ist also grundlegend religiöser Natur und als Ziele suchen sie sich denn auch sehr gerne Nichtmuslime, de facto also Christen, aus. Nun wird aber plötzlich über angebliche „Angriffe auf Moscheen“ schwadroniert (von denen viele andere Beobachter noch nie gehört haben) und der Terror so hingestellt, als hätte er „mit Religion nicht viel zu tun“. Aha. Die Religion wird also wieder einmal nur „instrumentalisiert“, um ….ja, um was eigentlich zu erreichen, Herr Delius ? Ein paar Schlagzeilen bei einer „westlichen“ Nachrichtenagentur oder in einer „westlichen“ Zeitung ? Wer, lieber Herr Delius, soll das denn bitteschön noch glauben ? Die von Ihnen zu Recht angeprangerte Brutalität der Angriffe auf staatliche Einrichtungen (wie z. Bsp. gerne Schulen und Universitäten), von Christen bewohnte Dörfer und Stadtteile sowie auf Kirchen erfolgt also mit dem eiskalten Kalkül des „Wellenschlagens“ oder „Rauschens im Blätterwald“ ? Etwas Absurderes kann ich mir kaum vorstellen. Wenn ein weiterer Pastor abgeschlachtet im eigenen Blut liegt, wird also der Täter „Juhu, ich komme in die Times“ rufen, statt „Allahu Akbar“ ? Kaum vorstellbar. Und was sollte denn das „Endgame“ der Terror-Brüder anderes sein, als die Verdrängung von Säkularität und Christentum in Nigeria zu Gunsten der Scharia-kompatiblen, islamischen Monokultur ? Sie haben es selbst gesagt, also nehmen Sie es doch jetzt nicht grundlos zurück, denn sonst wäre das Treiben der Boko-Haram ja auch gar nicht mehr zu verstehen ! Bitte, machen Sie, lieber Herr Delius, nicht den Fehler, bei den Zielen der Boko-Haram zwischen Glauben und Politik ein Blatt Papier schieben zu wollen, denn da passt keines dazwischen, wie das bei allen bombenwerfenden Muslimen weltweit nun einmal so ist.

Der Ratschlag von Ulrich Delius, was denn nun bitteschön die Medien tun sollen, wenn es der Boko-Haram nur um den eigenen Namen in der „Frankfurter Allgemeinen“ ginge (was ich im letzten Absatz bereits massiv bestritten habe !) ergeht sich denn auch lediglich in dem von unseren Massenmedien so wunderschön praktizierten Prinzip des „bloß nicht sagen, dass es ein Religionskrieg des Islam gegen die zivilisierte, westliche Welt ist“. Nichts neues unter der Sonne, Herr Delius:

Es muss natürlich publiziert werden, denn es ist wichtig, über die Gewalt zu reden. Aber es ist auch wichtig, sie in ihrer komplexen Entstehung wahrzunehmen, sie nicht einfach nur als Gewalt gegen Christen, sondern mit ihren vielen Komponenten zu sehen. Medien dürfen keinen Religionskrieg daraus machen, der es nicht ist.

Nein, wir Medien machen keinen Religionskrieg. Wir beschreiben ihn nur, denn er ist evident für jeden, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören. Sie selbst haben es in Ihrem Satz gesagt „Boko Haram ist eine islamistische Terror-Sekte, die das Land gezielt destabilisieren will, um den Zusammenbruch des Staates auszulösen und einen islamischen Gottesstaat aufzurichten.“ Hier liegt die Frontlinie. Es ist ein Krieg, der von Angehörigen EINER Religion erklärt, mit entsprechenden Phrasen unterfüttert und auf bestialische Art und Weise geführt wird, Herr Delius. Nennen Sie es, wie es Ihnen beliebt, aber es ist und bleibt ein Religionskrieg, da er, wenn es sich bei der Mehrheit der Nord-Nigerianer um Taoisten, Baha´i oder Angehörige von Naturreligionen handeln würde, schlicht und ergreifend gar nicht stattfinden würde !

(Quelle: „Pro-Medienmagazin“ vom 18. März 2014)

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