Türkei: neue Entwicklungen im „Tilman Geske“ – Prozess (update)

Der Fall des auf widerliche Art und Weise ermordeten, deutschen Missionars Tilman Geske hatte im Jahr 2007 einiges an medialer Aufmerksamkeit erregt. Vor allem jedoch außerhalb von dessen Heimatland Deutschland, wo die Details des Falles als „nicht hilfreich“ angesehen wurden.

Erinnern wir uns: Am 18. April 2007 wurden im osttürkischen Malatya der deutsche Evangelist Tilman Geske (46, verheiratet, dreifacher Vater) sowie zwei seiner türkischen Kollegen, Ugur Yüksel (51) und der Pastor Necati Aydinim (35), auf unvorstellbar widerliche Art und Weise ermordet. Der „Focus“ schrieb damals zu den genauen Umständen dieser antichristlichen Gewalttat (Achtung, grausame Beschreibungen):

Regelrecht „zerstückelt“ worden seien die drei Christen, berichtete der Krankenhausarzt Murat Ugras erschüttert. Die Autopsieberichte untermauern seine Schilderungen: Den Männern sollen bei lebendigem Leib und vollem Bewusstsein die Hoden und der After aufgeschlitzt, Nasen und Münder zerschnitten, Bäuche und Innereien aufgeschnitten und die Finger einzeln und bis auf die Knochen zerhackt worden sein, berichteten türkische Zeitungen. Erst nach stundenlanger grausamer Folter wurden den Opfern die Kehlen durchgeschnitten.

Der türkischen Polizei gelang es dann relativ zügig, die Täter zu ermitteln, da diese auch keinen großen Hehl aus ihrer Tat machten. Der im November 2007 begonnene Strafprozess gegen fünf eindeutig als Tatbeteiligte auszumachende Personen dauert jedoch aus verschiedenen Gründen bis heute an. Die tatbegleitenden Umstände, die auf die Motive der Mörder einwirkten, wurden im bereits zitierten „Focus“-Bericht folgendermaßen geschildert:

Mehr noch als die angestammten orthodoxen Christen der Türkei sind die Protestanten der Wahnvorstellung türkischer Rechtsextremisten ausgesetzt, dass es sich bei ihnen um Agenten fremder Mächte handele, die das Land unterwandern. Denn im Gegensatz zu orthodoxen Armeniern und Griechen oder zu Katholiken handelt es sich bei ihnen überwiegend um Konvertiten vom Islam. „Ein Muslim, der Christ wird, erscheint vielen hier noch als Schande“, sagt (der in der Türkei lebende, deutsche Pastor) Häde, der es bezeichnend findet, dass sich bei der Witwe des türkischen Pastors Aydin – im Gegensatz zur deutschen Familie Geske – kein Regierungsvertreter zum Beileidsbesuch einfand.

(Anm. des Autoren: Sind nun „Rechtsextreme“ so besonders christenfeindlich, oder auch Regierungsvertreter, oder, fatalerweise, vielleicht beide ? Machen Sie sich mal dazu ihre Gedanken, liebe Leser.)

Das bisherige Gebaren der Justizbehörden gibt den Hinterbliebenen nicht viel Hoffnung: So wurde etwa der Witwe Semse Aydin die Einsicht in den Autopsiebericht ihres ermordeten Mannes und andere Ermittlungsakten verweigert, weil es sich um ein Terrordelikt handele, das der Geheimhaltung unterliege. Nur wenige Tage später konnten türkische Zeitungen umfangreiche Passagen aus den Vernehmungsprotokollen abdrucken.

Tilman Geske mit Familie

Tilman Geske mit Familie

Hier trafen sich also die Verachtung und der Hass auf Ex-Muslime, die nun Nachfolger Christi sind, mit einer obskuren Furcht vor „ausländischen Agenten“, die „das Türkentum“ (ein im Lande hinter dem Bosporus wohlbekannter, sogar juristisch relevanter Begriff !) aufzuweichen versuchen sollen. So erklärt sich die Wahl der Opfer dieser abscheulichen Tat. Und hier liegt auch ein Grund dafür, dass der Prozess ins „Politische“ abdriftete. Es wurden nämlich relativ schnell (ob zu Recht oder nicht, sei dahingesellt) Verbindungen der Täter mit nationalistischen Kreisen angenommen. Da aber die islamistische AKP-Partei des Herrn Erdogan sich damals noch im (Macht-)Kampf gegen das säkularere und national-türkische Militär befand, welches lange Zeit sehr viel reale Macht in der Türkei besessen hatte, wurde nun dieser Strafprozess zu einem „Anti-Terror-Prozess“ gemacht. Dieser findet bis heute vor einem Sondergericht statt, welches sich hauptsächlich mit dem sog. „Inneren Staat“ und der ebenfalls sog. „Ergenekon“-Gruppe befasste, die aus Angehörigen von Sicherheitsorganen und Militär bestanden haben soll, welche dem Erdogan-Clan bei der Re-Islamisierung der Türkei im Wege standen.

Völlig zu Recht werden Sie sich, liebe Leser, nun fragen, was dieses typisch nahöstliche Interessengemisch nun mit den getöteten Christen und dem seit gefühlt unendlicher Zeit laufenden Strafprozess gegen ihre Mörder zu tun hat. Ich frage mich dies auch und sehe hier letztlich nur eine Verzögerungstaktik. Die Vermischung einer reinen Strafsache mit politischen Machtkämpfen, die aber wiederum einen religiösen Unterton haben, soll wohl letztlich dazu führen, dass niemand für die Taten wirklich zur Rechenschaft gezogen werden wird. Ein paar ermordete Christen gelten in der Erdogan – Türkei vermutlich nur als „Marginalien“ und das Aufrechterhalten des Prozesses als solchem ist wohl eher der Imagepflege des Staates geschuldet, der noch immer halbherzig die EU-Mitgliedschaft anstrebt und deshalb rechtsstaatliche Verhältnisse zumindest simulieren zu müssen glaubt. Zumal eines der Opfer eben kein Türke, sondern ein Deutscher war. Wären alle drei Opfer Türken gewesen, könnten die Täter vermutlich auf noch mehr Nachsicht hoffen. Zugegeben, auch diese Sichtweise ist z. T. spekulativ, jedoch kommen jetzt neue Nachrichten aus der Türkei, die den geneigten Beobachter wiederum sehr erstaunen werden.

Denn das türkische Parlament hat unlängst eine Gesetzesreform verabschiedet, die sich auch auf die Untersuchungshaft der fünf Angeklagten der Malatya-Morde auswirken wird. Denn die maximale Untersuchungshaftdauer für Angeklagte, gegen die kein gültiges Gerichtsurteil vorliegt, wird nun von 10 auf 5 Jahre herabgesetzt. In der Folge werden die Täter wohl demnächst freikommen, da sich ihr Prozess nun schon seit mehr als 6 Jahren dahinschleppt. Susanne Geske, die Witwe des abgeschlachteten Missionars, wird deshalb auch mit den schockierenden Worten zitiert:

An den Gedanken, dass wir einem der Täter auf der Straße, in der Altstadt oder im Einkaufzentrum begegnen werden, müssen wir uns wohl gewöhnen.

Oder auch nicht, wenn wir den Ausführungen von Umut Sahin von der „Vereinigung der protestantischen Kirchen in der Türkei“ folgen wollen. Denn dieser weist in einem offenen Brief an die Medien darauf hin, dass die bei rechtsgültiger Verurteilung der Täter zu erwartenden, hohen Haftstrafen es sehr wahrscheinlich machen, dass diese Personen nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft „verschwinden“ werden. Möglicherweise ins Ausland. Aber noch ist das Maß der schockierenden Nachrichten aus der Türkei nicht voll, denn im Rahmen der bereits erwähnten Reformgesetze werden wohl auch die „Anti-Terror-Gerichtshöfe“ aufgelöst werden. Dies hätte dann zur Folge, dass der Prozess gegen die Mörder von Tilman Geske, Ugur Yüksel und Necati Aydinim von einem „herkömmlichen“ Strafgerichtshof neu aufgenommen werden müsste. Mit einem neuen Richter, neuen Staatsanwälten etc. , die sich in mehr als 100.000 Seiten Dokumentation und Gerichtsprotokolle von 92 Sitzungen ihrer Vorgänger vom „Anti-Terror-Sondergerichtshof“ einarbeiten müssten. Und dies zöge natürlich vor allem neue, mehrjährige Prozessverzögerungen nach sich, wie uns Umut Sahin glaubwürdig nahezubringen versucht.

Beten wir wenigstens für Susanne Geske und ihre Kinder, damit sie weiter Trost im Glauben erhalten, zur Vergebung bereit bleiben, aber auch ein wenig weltliche Gerechtigkeit erfahren mögen.

(Quelle: „world watch monitor“ vom 05. März 2014 und „Focus“ vom 05. November 2007)

UPDATE vom 12. März 2014:Wie befürchtet, sind die Täter der Malatya-Massaker tatsächlich auf freien Fuß gesetzt worden. Wie die „Sun Daily“ berichtet, wurden alle fünf Angeklagten am 07. März 2014 aus der Untersuchungshaft entlassen. Rechtsstaat Marke Erdogan.
(Quelle: „the sun daily“ vom 08. März 2014)

UPDATE vom 16. März 2014: Um es den aus der Untersuchungshaft freigekommenen Angeklagten des Malatya-Mordprozesses nun nicht gar zu leicht zu machen, sich abzusetzen und unterzutauchen, müssen, wie „morningstar news“ berichtet, die Ex-Knackis nun Überwachungsgeräte mit sich tragen und haben bis auf weiteres Hausarrest bekommen.
(Quelle: „morningstar news“ vom 16. März 2014)

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