Syrien: die Auslöschung urchristlicher Kultur

Wir alle wissen, dass in Syrien seit Jahren ein mörderischer Bürgerkrieg tobt. Auf der einen Seite steht das alawitisch dominierte Baath-Partei-Regime, das seit Jahrzehnten von der Familie al-Assad dominiert wird. Auf der anderen Seite sehen wir die Rebellen-Koalition, in der sich vor allem die sunnitische Bevölkerungsmehrheit organisiert hat. Für sie kämpfen diverse Söldnertruppen und fahnenflüchtige Ex-Militärs, meist mit Geld aus den Golfstaaten oder Saudi-Arabien finanziert, deren Zielrichtung und „Kriegshandlungen“ oftmals mindestens ebenso fragwürdig erscheinen wie die Militärschläge der Assad-treuen Regierungstruppen.

Syrien

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Das Ausland steht „Gewehr bei Fuß“, um in irgendeiner Weise von diesem Konflikt zu profitieren. Die Türkei sucht ihr Süppchen zu kochen und territoriale oder „einflußpolitische“ Vorteile aus dem Konflikt zu ziehen. Wenn man gleichzeitig noch aus „Sicherheitserwägungen“ heraus ein wenig die eigentlich weitgehend unbeteiligten Kurden oder andere, angebliche „Unruheherde“ ausschalten kann, soll das nur willkommen sein. Der Iran versucht, auch über die von ihnen finanzierte, libanesische „Hisbollah“-Miliz, den Assad-Truppen beizuspringen, so gut es geht, um seine eigene Einfluss-Sphäre, zu der Syrien gehört, nicht einzubüßen. Ob Alawiten und iranische Schiiten sich dabei wirklich so nahe stehen, wie es gepredigt wird, sei dabei dahingestellt. Auf den Einfluss der finanzstarken, fundamentalistischen Kreise aus den Golfstaaten auf die sunnitischen Rebellen habe ich bereits hingewiesen. Russland weigert sich bisher, Assad fallenzulassen und gibt ihm zumindest noch per Lippenbekenntnis Rückendeckung. Die USA hingegen schwenken, wenn man letzten Medienberichten glauben darf, langsam auf einen „Interventionskurs“ ein. Zumeist zweifelhafte Berichte über einen angeblichen „Giftgaseinsatz“ der Regierungstruppen dienen dafür als Vorwand. Ob „dem Westen“ damit gedient ist, auch hier wieder eine ähnlich interventionistische Haltung einzunehmen, wie beim Sturz des Ghaddafi-Regimes in Libyen, sei ebenfalls der individuellen Beurteilung meiner Leser anheimgestellt. Das Ergebnis dort (Söldner-Exodus nach Mali mit nachfolgender, islamistischer Revolution in dessen Norden, Ermordung des US-Botschafters in Libyen, vermutlich unter Mithilfe angeheuerter, einheimischer Söldner etc.) spricht in jedem Falle eher dafür, mit Umsicht statt Luftwaffe vorzugehen.

Eines wissen wir aber mit Sicherheit: zwischen all diesen lokalen, regionalen und internationalen Interessen wird die christliche Minderheit Syriens wie zwischen Mühlsteinen schrittweise zermahlen. Oder eben vertrieben, was den Akteuren, die die Fäden ziehen, vermutlich ebenso Recht sein wird. Berichte über Attacken auf christliche Wohnorte und -viertel, auf Geistliche und Klöster häufen sich. Ich persönlich schreibe über die in den Massenmedien gut dokumentierten Fälle, wie z. Bsp. die Entführung zweier Bischöfe durch „Unbekannte“ aus Zeitgründen schon gar nicht mehr. Die Kirchen im Lande gehören, ganz logischerweise, zu den ältesten, christlichen Gemeinschaften der Welt. Der Apostel Paulus reiste z. Bsp. nach Damaskus, als er noch „Saulus“ war usw. Hier wurden die ersten, christlichen Gemeinden gleichzeitig mit denen etwa in Griechenland oder Ägypten gebaut. Hier wird z. T. heute noch die Sprache Christi, das Aramäische, konserviert und praktiziert. Kurz und gut: Syrien ist, wie die Türkei, Griechenland, der Irak oder Ägypten eines der ältesten, christlichen „Kulturgebiete“ der Welt, vielleicht noch vor Italien, Libyen oder Spanien. Wie es jedoch heute um das Christentum in diesen Ländern bestellt ist, ist sicher allen aufmerksamen Beobachtern bekannt, weshalb ich mich hier weiter darauf beschränke, nur Syrien zu betrachten. Als „Protektor“ der christlichen Minderheit darf in dem gesamten Konflikt, so wie ich ihn bisher betrachte, eigentlich keine Seite angesehen werden. Jedoch steht das Assad-Regime in der Tradition, seine christliche Minderheit besser zu behandeln als sämtliche Nachbarn und außerdem soll sie gezielt alawitisch-christliche Bündnisse angestrebt haben.

Wer ein paar realistische Eindrücke über die Lage des Christentums und die Wirkung des Bürgerkriegs auf dieses erhalten will, kann ja mal den Namen „Mutter Agnes-Mariam de la Croix“ googlen. Das ist eine syrische Nonne, die für ihre ausgesprochene Direktheit, aber auch große Güte bekannt ist und so einiges zu erzählen hat. Auch wir haben bereits mehrfach über sie berichtet.

https://gebetskreis.wordpress.com/2013/01/03/syrien-mutter-agnes-mariam-spricht-wieder-und-stellt-westliche-blindheit-zur-schau/

und

https://gebetskreis.wordpress.com/2012/08/14/syrien-mutter-agnes-mariam-hat-noch-immer-einiges-zu-sagen/

Soll nur ein Tip zum Einstieg in die Eigenrecherche gewesen sein. Aber zurück zur Gefahr für das syrische Christentum:

Nach Schätzungen aus Menschenrechts-Aktivisten-Kreisen sollen bislang ca. 100.000 Menschen im syrischen Bürgerkrieg getötet worden sein. 1,5 Millionen Menschen seien durch die Kämpfe in Nachbarländer vertrieben worden und eine nicht recht bestimmbare Zahl von Binnenflüchtlingen, die aber in die Hunderttausende gehen soll, stellt ein weiteres Problem dar. In all diesen Ziffern, die vielleicht eher abstumpfen und keine rechte Anteilnahme anregen, sind christliche Syrer in großer Anzahl vertreten. Die religösen Säuberungen von umkämpften Städten wie etwas Homs haben Christen entwurzelt, weil es die djihadistischen Milizen eben darauf angelegt haben, angebliche Sympathisanten der Regierung zu „beseitigen“. In welcher Form auch immer. Dass die christlichen Mandatsträger in Syrien von Anfang an ihre Neutralität im Konflikt bekundet haben, wird dabei bewusst und willentlich übersehen.

In einem vor wenigen Tagen erschienenen Blog-Artikel in der linksliberalen, amerikanischen „Huffington Post“ wird nun aber genau auf die Schläge gegen die urchristliche Kultur Syriens eingegangen. Trotz einiger Fehl-Perzeptionen bezüglich der Parameter dieses Bürgerkrieges (so schreibt die „Hufpo“ etwa pauschal, dass alle syrischen Christen Assad-Anhänger oder zumindest regierungstreue Loyalisten seien), finden sich dort doch einige bemerkenswerte Details zu lesen. So wird von der libanesischen Autorin Magda Abu-Fadil explizit erwähnt, dass christliche Heiligtümer und Symbole in Syrien zu Opfern von Anschlägen und symbolträchtiger Kulturbarbarei geworden seien. Quellen, die dem Konflikt näher stehen werten dies z. T. auch als gezielte Angriffe auf sichtbare Zeichen der christlichen Kultur in Syrien. Ebenso ist die Existenz des Aramäischen, einer Sprache, die ohne schriftliche Zeugnisse tradiert wird, durch die sozialen Zerwürfnisse des Bürgerkrieges in Gefahr. Auf die genauen, linguistischen Wurzeln des Aramäischen in der Persischen Reichssprache und die Spaltungen in „Ost-“ und „Westaramäisch“ gehe ich hier nicht weiter ein. Im Ort Maaloula, ca. 50 km nördlich von Damaskus gelegen, soll in jedem Falle nach Ansicht seiner christlichen Einwohner das „reinste“ und dem Aramäisch Christi ähnlichste Idiom gesprochen werden, so berichtet Magda Abu-Fadil.

Ob diese Annahme der Bewohner Maaloulas nun korrekt ist, oder nicht, das langsame Verschwinden des Aramäischen, speziell des West-Aramäischen, das noch bis vor der islamischen Eroberung der Region im heutigen Libanon, Syrien und Israel gesprochen wurde, scheint sich durch Vertreibung und Entwurzelung der Einwohner traditioneller, christlicher „Inseln“ in Syrien zu beschleunigen. Das berümhte „St. Takla“-Kloster in Maaloula, das wie der Rest des Ortes zum UNESCO-Weltkulturerbe der „Antiken Dörfer“ gehört, kann in jedem Falle kaum noch mit Besuchern rechnen oder seine Festlichkeiten durchführen. Viele Gläubige hoffen jedoch weiterhin, dass der Kelch an ihnen vorbei gehen wird und wollen unbedingt im Land bleiben. Wie ihr Schicksal aussehen wird, werden wir alle verfolgen können. Die vielen Nachrichten über Kloster-Plünderungen, tödliche Angriffe auf Priester und gezielte Vertreibungen lassen aber auf eine bewusste Aussonderung der „andere-Wange-Hinhalter“ als „weiche Ziele“ schließen. Ein Ende der Präsenz christlicher Geschichte und Kultur in weiten Teilen Syriens kann jetzt nicht mehr vollkommen ausgeschlossen werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal auf die Petition von „open doors“ zum Schutze der Flüchtlinge in Syrien hinweisen. Wer bislang noch nicht daran teilgenommen hat, sollte darüber nachdenken, dies jetzt nachzuholen. Noch bis zum 10. November 2013 kann man sich beteiligen. Speziell die Nöte der christlichen Syrer, die in unseren Medien kaum oder höchstens am Rande und verzerrt wahrgenommen werden, sollen so angesprochen und öffentlich gemacht werden.

(Quelle: „the Huffington Post“ vom 19. Juli 2013)

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