Pakistan: wütender Mob plündert Christenviertel in Lahore (update)

Was in Ägypten unter den Muslimbrüdern üblich geworden ist, soll auch den Pakistanis zur „guten Gewohnheit“ werden, wie es scheint: das hasserfüllte Wüten durch Gerüchte von angeblicher „Blasphemie“ aufgeputschter Muslim-Mobs gegen Christen und deren Eigentum. Selbst der nicht unbedingt als sonderlich Kirchen-freundlich bekannte „Spiegel“ kommt an diesem Phänomen nicht mehr vorbei und hat vor Kurzem dazu einen recht interessanten Artikel veröffentlicht, aus dem ich hier gerne zitieren möchte:

Es ist nur wenig bekannt: Ein 28-jähriger Christ soll sich häufiger beleidigend über den Propheten Mohammed geäußert haben. Beweise gibt es keine, nur diese eine Behauptung von Shahi Imran, einem mit ihm befreundeten muslimischen Friseur. Der 28-Jährige habe „immer mal wieder“ Ungehöriges gesagt, um damit Muslime zu ärgern, sagen ein paar Leute, die vor dem Haus des Christen herumlungern. Ob sie es selbst gehört haben? Alle schütteln den Kopf. „Aber es wird schon stimmen. Warum sollte sonst unser Bruder diesem Mann Blasphemie vorwerfen?“, sagt einer.

Pakistan

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Tja, dieses „warum“ ist tatsächlich der Schlüssel dazu, viele Vorgänge in der islamischen Welt besser zu verstehen. Warum sind Christen, vor allem, wenn sie ganz offensichtlich friedlich und vielleicht auch erfolgreich sind, Muslimen ein „Dorn im Auge“ ? Da gäbe es sicher viele Antworten, die z. T. regional variieren, aber z. T. eben auch nicht. Die Wahrnehmung von Christen als „Staatsfeinde“, als „Westler“, die einem „fremden Gott“ anhängen, kommt in vielen Ländern zu einer tief im Islam verankerten Verachtung für alle Nichtmuslime hinzu. Wenn dann noch (was in Ägypten und Pakistan z. Bsp. eher selten der Fall ist, dafür sorgen die diskriminierenden Lebensbedingungen in diesen Ländern) ein Christ erfolgreich ist, also sozusagen „sichtbar gesegnet“ ist, kommt sicher auch noch ein Neidfaktor mit ins Spiel. Wie gesagt, das spielt aber sicher in Pakistan eher selten eine Rolle, da hier Christen oftmals nur als ungelernte Arbeiter in Landwirtschaft, Handwerk und Müllbeseitigung beschäftigt sind. Wieder eine auffällige Parallele zu Ägypten, übrigens. Aber zurück zum „Spiegel“ und den Vorgängen in Lahore:

So wenig genügt in Pakistan, um einen Mob von mehreren tausend Randalierern zu mobilisieren, die Menschen schlagen, Steine werfen, Häuser anzünden und bereit sind zu morden. So auch in diesem Fall in der pakistanischen Millionenmetropole Lahore: Am Donnerstag soll der Christ vor seinen muslimischen Freunden angeblich wieder Böses über den Propheten gesagt haben. Die Männer sind betrunken, der Streit eskaliert. Einer der Männer droht ihm daraufhin mit einem Messer, doch der Christ zeigt sich unbeeindruckt. Daraufhin mobilisiert der Aufgebrachte am nächsten Tag mehrere Freunde, um dem Christen einen Denkzettel zu verpassen.

Na, kommt das dem ein oder anderen, deutschen Großstadtbewohner bekannt vor ? „Ich mach dich Messer !“ und zusätzlich die Rudelbildung, um dem „bösen, bösen Feind“ ordentlich eins zu verpassen ? Mich hat das fatal an den Fall „Johnny K.“ in meiner Heimatstadt erinnert oder an diverse U-Bahn-Attacken, wo ein Rudel hasserfüllter Schwererziehbarer sich ein „Opfer“ aussucht, um ihre frühpubertären Macht-Gelüste auszuleben. Notfalls wird das Ableben der Opfer dabei billigend in Kauf genommen. Sind wahrscheinlich „eh bloss irgendwelche Ungläubigen“. Erstaunlich wie sehr sich Lahore und…sagen wir mal Berlin doch gleichen. Die Gewalt ist dabei immer unprovoziert. Selbst der Spiegel musste ja zugeben, dass völlig unklar ist, ob besagter Friseur tatsächlich irgendwelche abfälligen Äußerungen religiöser Art kolportiert hat, oder ob mal wieder über die „Blasphemie-Paragraphen“ des an der Scharia orientierten Rechts in Pakistan ein persönlicher Streit zwischen zwei Arbeitskollegen unterschiedlichen Glaubens „gelöst“ werden sollte. Der „Spiegel“ stellt deshalb auch fest:

Blasphemie ist in Pakistan ein ungeheuerlicher Vorwurf. Im schlimmsten Fall kann ein Todesurteil die Folge sein. Zwar wurde noch nie ein wegen Blasphemie zum Tode Verurteilter auch hingerichtet, doch oft werden die Beschuldigten Opfer von Lynchjustiz. Der Blasphemievorwurf wird bei Streitigkeiten gerne als Waffe eingesetzt.

Allerdings nur von Muslimen gegen Christen. Umgekehrt funktioniert der Vorwurf „natürlich“ nicht. Denn irgendeine biblische Figur zu beleidigen, eine Bibel anzuzünden oder den Christus zu lästern gehört in Pakistan natürlich zum guten Umgangston. Oder wird doch zumindest gesellschaftlich akzeptiert, während wie wir sehen schon das Gerücht eines „bösen Wortes“ über den „Propheten“ Mohammed ausreicht, um einen Ausbruch ungezügelter Gewalt auszulösen.

Auf dem Weg zu seinem Haus in einer ärmlichen Siedlung, in der etwa 150 christliche Familien leben, schließen sich immer mehr Menschen dem Mob an, vor allem aus einer nahegelegenen Moschee strömen junge Männer herbei. Sie marschieren zum Haus des Christen, schreien „Allah ist groß!“ und werfen Steine auf das Gebäude. Enttäuscht stellen sie fest, dass der Gesuchte geflüchtet ist. Stattdessen finden sie seinen Vater und schlagen auf ihn ein. Ein Pastor aus der Nachbarschaft eilt herbei, um zu schlichten. Die Menge wirft Steine auf ihn und auf sein Auto.

Die religiöse Toleranz islamischer Staaten zeigt sich hier in Reinkultur. Die Christen wohnen in einer „ärmlichen Siedlung“, aus einer „nahegelegenen Moschee“ stürmt Verstärkung für den wütenden Mob herbei (womit klar sein dürfte, was dort gepredigt wird) der natürlich über die Gründe für den Aufruhr nichts zu wissen braucht, ein Mann Gottes wird mit Steinwürfen begrüßt, als er vermitteln will. Alltag in Pakistan. Und in Berlin, Duisburg, Köln, …. Oder haben wir die Prügelattacke auf den Berliner Rabbi bereits vergessen ? Der Spiegel wird immer deutlicher:

„Wenn wir den Gesuchten finden, werden wir ihn in Stücke schneiden“, ruft ein Mann in der Menge, den die anderen als Korangelehrten bezeichnen. Die Situation gerät außer Kontrolle. Immer mehr Menschen finden sich ein, randalieren, die Polizei spricht am Samstag von etwa 3000 Menschen. Ein paar Männer zünden das Haus an. Mehrere hundert Bewohner der Siedlung, darunter Frauen und Kinder, flüchten. Sie befürchten, Opfer der Selbstjustiz zu werden, die häufig auf Blasphemievorwürfe folgt.

Immer mehr Polizisten treffen ein, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Sie finden den der Blasphemie beschuldigten Christen. Auf Druck der Menge verhaften sie ihn, „vor allem zu seinem eigenen Schutz“, sagt ein Polizeisprecher. Der Mann, der den Vorwurf erhoben hatte, reicht Klage wegen Blasphemie ein. Die Sicherheitskräfte reden auf die Protestierenden ein, sie versprechen, dass der Angeklagte gemäß dem Gesetz bestraft werde, sollten sich die Vorwürfe als wahr herausstellen.

Doch die Menge lässt sich nicht beruhigen. Bis zum Samstagmorgen dringen Plünderer in mehrere Häuser ein, zerren Möbel auf die Straßen, zünden sie neben Fahrrädern, Rikschas und Autos an. Mindestens 40 Häuser gehen in Flammen auf. Manche Beobachter sprechen sogar von 125 niedergebrannten Gebäuden. Am Samstagabend ist kaum noch einer der (christlichen, Anm. des Autors !) Bewohner in der Siedlung anzutreffen, fast alle haben sich in Sicherheit gebracht.

Der Autor Hasnain Kazim, der den Artikel im „Spiegel“ verantwortet, fügt diese Ereignisse in den Kontext von Fakten ein, die auch den in Sachen Christenverfolgung und Menschenrechten engagierten Lesern dieses Blogs bekannt sein dürften. Er erwähnt (ohne Namensnennung, leider) die Fälle von Asia Bibi, Salman Taseer, Shabaz Bhatti und Rimshah Masih:

Seit bald vier Jahren sitzt beispielsweise eine Frau in der Todeszelle, der in einem Nachbarschaftsstreit Blasphemie vorgeworfen wurde. Die ihr von der Regierung zugesicherte Hilfe bleibt aus, seitdem ein Gouverneur und ein Minister, die sich für sie eingesetzt hatten, ermordet wurden. Im vergangenen Herbst sorgte der Blasphemievorwurf gegen ein Mädchen weltweit für Aufsehen, das angeblich Seiten eines Lehrbuchs mit Koranversen verbrannt haben sollte. Später stellte sich heraus, dass ein (islamischer, dieses Detail ist wichtig !, Anm. des Autoren) Geistlicher die Seiten absichtlich in einen Müllbeutel gesteckt hatte.

Ob es noch Reste, rechtsstaatlicher Ordnung in Pakistans Pundschab-Provinz gibt, darüber wird die Zukunft entscheiden.

Der Justizminister der Provinz Punjab, deren Hauptstadt Lahore ist, sagte, es gebe „überhaupt keinen Grund für Gewalt, zumal der Beschuldigte festgenommen worden“ sei. Gegen die Gewalttäter werde Klage wegen Vandalismus erhoben. Außerdem, verspricht der Minister, würden die Christen, die ihr Hab und Gut verloren hätten, „innerhalb von fünf Tagen“ von der Regierung entschädigt werden.

(Quelle: „Spiegel online“ vom 09. März 2013)

Der „Spiegel“ blieb offensichtlich am Thema dran. So berichtet er mit dem Datum vom 27. März 2014 darüber, dass der verhaftete Christ mit Namen Sawan Masih soeben zum Tode verurteilt wurde. Wegen angeblicher, aber bislang noch immer unbewiesener „Blasphemie“.
Man lasse es sich tatsächlich geruhsam auf der Zunge zergehen: Aufgrund unbewiesener Behauptungen, die (so habe ich es in englischen Quellen gelesen) ihre Quelle in einem Streit zwischen Sawan Masih und einem Bekannten, vielleicht auch in einem Eigentumsstreit gehabt haben, wird ein Christenviertel in Lahore von einem wütenden, Muslim-Mob verwüstet, geplündert etc. Kirchen gehen dabei ebenfalls zu Bruch. Nun wird, etwas mehr als ein Jahr später ein Christ, der angebliche „Übeltäter“ zum Tode verurteilt, während völlig unklar ist, ob die versprochenen Hilfszahlungen für die Opfer des Brandschatzens jemals gezahlt werden.
Das ist eine total verkehrte Welt, jeglicher Anspruch auf Zivilisiertheit oder rechtsstaatliche Verhältnisse kippt Pakistan damit über Bord. Und wenn das sogar dem „Spiegel“ aufällt….

(Quelle: „Spiegel online“ vom 27. März 2014)

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