Türkei: Bürgermeister von Diyarbakir ruft alle Armenier und Assyrer zur Rückkehr auf

Eine interessante, kleine Nachricht kommt aus dem Südosten der Türkei. Der kurdische Bürgermeister von Diyarbakir hat alle Nachfahren der Assyrer, Chaldäer und Armenier dazu aufgerufen, in seine Stadt zurückzukehren, wenn sie mögen.

Türkei

Osman Baydemir, selbst Kurde, erinnerte gar an die Massaker und Vertreibungen, die ab 1915 gegen die christlichen Minderheiten der kurdischen Türkei (damals noch Teil des Osmanischen Reiches) angezettelt wurden. Ein auffällig offenes Wort angesichts der in der Türkei allgemein vorherrschenden Ignoranz gegenüber diesem Thema. Erinnern wir uns zunächst:

Während des Ersten Weltkriege, an dem die Türkei auf Seiten Österreich-Ungarns und Deutschlands teilnahm, definierte die „Reform-Regierung“ der sog. „jungtürkischen Bewegung“ alle christlichen Minderheiten als Staatsfeinde, die Russischen und Britischen Truppen Unterstützung leisten würden. Im Anschluss wurden dann die Armenier, Assyrer und Chaldäer aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben, in Gewalt- und Todesmärsche durch das Landesinnere getrieben und somit dezimiert. Schätzungen gehen heute von sehr unterschiedlichen Opferzahlen aus, aber von 800.000 – 1 Mio Opfern muss dabei leider in jedem Falle ausgegangen werden. Durch die Beobachtungen von deutschen Diplomaten und Offizieren sind viele dieser Maßnahmen soz. „aktenkundig“ geworden. Im „Johannes-Lepsius-Zentrum“ in Potsdam wird das Gedenken an diesen Völkermord seit 2011 erforscht und dokumentiert. Dieser Völkermord an den Armeniern wird bis heute von der Türkei entweder geleugnet oder als „kriegswichtige Maßnahme“ schöngeredet und gerechtfertigt. Jedoch weigern sich maßgebliche, westliche Länder noch immer, die Türkei zu einer sachlichen Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, ähnlich der, die wir in Deutschland nach dem Holocaust begonnen haben, zu drängen. Die USA bezeichnen bis heute die Armenier-Vernichtung nicht als Völkermord.

Jetzt aber lassen wir mal den Bürgermeister von Diyarbakir, Osman (ausgerechnet ! / „Osmanisches Reich“) Baydemir zu Wort kommen. Am Rande eines Diskussionforums in seiner Stadt, welches sich mit den türkisch-armenischen Beziehungen befasste, sagte er gegenüber Journalisten am 25. September 2012 folgendes:

Ein Armenier, ein Assyrer und ein Chaldäer, dessen Groß- oder Urgroßvater in Diyarbakir geboren wurde, hat ebenso ein Recht in  Diyarbakir zu leben, wie ich es habe. Das sage ich als ein in Diyarbakir geborener Kurde. Ich würde gerne alle ethnischen Gruppen, deren Vorfahren in Diyarbakir lebten, wieder in die Stadt einladen. Kommt zurück in eure Stadt !

Auch zur Vergangenheit, in der auch kurdische Banden an den Gewalttaten gegen die Christen beteiligt waren, sagt er interessante Dinge. Er betont, dass alle ethnischen Gruppen gemeinsam die Stadtmauern errichtet hätten und somit ein Recht besäßen, in Diyarbakir zu leben.

In meinem Gewissen verurteile ich die Grausamkeit von 1915. Wir lehnen dieses Vermächtnis unserer Großväter ab, die an diesem Massaker teilnahmen, wir lehnen es ab, Teil von dem zu sein, was sie vorlebten und wir gedenken derer unserer Vorfahren, die sich gegen dieses Massaker und die Grausamkeit stellten.

Nach Statistiken aus dem Osmanischen Reich lebten vor der Vertreibung mehr als 56.000 Armenier in Diyarbakir. Zur Verdrängungs- und Leugnungsmentalität sagte Osman Baydemir dies:

Die Verbrechen, die einige unserer Vorfahren begangen haben, zu leugnen, wäre, als würde man ein Teil davon. Wir müssen zunächst einmal die Leiden der Menschen anerkennen, bevor wir damit beginnen können, die Wunden zu heilen.

Bemerkenswerte Sätze, die in einem Land gesprochen wurden, das seinen National- und seit der Machtübernahme von Erdogan auch seinen Religionskult aufs Absurdeste überhöht hat. Man wünschte sich, mehr derartige Stimmen zu hören.

BITTE BETEN SIE WEITERHIN FÜR DIE BEINAHE VERSCHWUNDENE CHRISTLICHE MINDERHEIT DER TÜRKEI. MÖGE SIE MEHR AKTIVE UNTERSTÜTZUNG IN DER BEVÖLKERUNG FINDEN.

(Quelle: „AINA.org“ vom 27. September 2012)

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