Youcef Nadarkhani – wieder zu Hause ! Eine Betrachtung.

Noch einmal sei es mir erlaubt, auf den „Fall“ Nadarkhani einzugehen und dabei auch einige der Implikationen, die sich in seinem Verlauf geradezu aufdrängen, anzusprechen. 

Fatimah und Youcef unmittelbar nach seiner Haftentlassung

Zunächst einmal vielen, vielen Dank allen Mitbetern für Bruder Youcef und seine Familie, seine Frau Fatimah und seine Söhne Daniel und Joel. Es war und ist schwer genug, Christen in meiner Stadt, in meiner Gemeinde und meinem Umfeld klarzumachen, warum eine intensive Fürbitte für Christen unter Verfolgungsdruck so dringend notwendig ist und auch, was diese Gebete bewirken können. In diesem Zusammenhang gilt mein Dank, nach dem Vater, der auch dieses fast unverhoffte kleine „Wunder“ bewirkt hat, auch allen Christen, die mit der IGfM, der Evangelischen Allianz Hamburg (auf mehrere Anfragen meinerseits bei der EA Berlins bekam ich immer nur ein „Bitte rufen Sie unter folgender Nummer an…“), der Arbeitsgemeinschaft  Christlicher Kirchen Hamburg, dem BGVK und anderen gemeinsam für Youcef Nadarkhani gebetet haben. Allen, die sich zu menschenunwürdigen Zeiten und bei teils weniger schönem Wetter zu Mahnwachen eingefunden haben, die Petitionen gezeichnet, weitergereicht und über den „Fall Nadarkhani“ mit ihren Verwandten, Freunden und Bekannten gesprochen haben, sei von Herzen gedankt.

Hier noch einmal eine sehr kurze, stichwortartige Zusammenfassung der Ereignisse des „Falles“ Nadarkhani:

  • Im Oktober 2009 wird Youcef Nadarkhani, ein Hauskirchen-Pastor aus der Stadt Rasht in der Gilan-Provinz Irans, verhaftet, nachdem er sich gegen die Teilnahme seiner Söhne Daniel und Joel am kürzlich „obligatorisch“ gemachten Koran-Unterricht in der Schule gewandt hatte. Dies unter Hinweis auf die geltende Verfassung des Iran, die eine freie Religionsausübung ohne Druck ermöglichen soll.
  • Als ehemaligem Muslim, der noch vor dem 20. Lebensjahr beschlossen hatte ein Nachfolger Jesu zu werden, droht ihm plötzlich nicht nur eine Strafe wegen „staatsgefährdender Aktivitäten“, sondern eine Anklage und Verurteilung als „Apostaten“. Ob damals bereits eine Anklage wegen „Evangelisation von Muslimen“ im Raume stand, ist bei Beobachtern umstritten.
  • Am 13. November 2010 wurde Youcef Nadarkhani wegen „Apostasie“, also verlassen des Islam, von einem sog. „Revolutionstribunal“ zum Tode durch den Strang verurteilt. Die Rechtmäßigkeit und die Möglichkeit der Umsetzung des Urteils wurde von nun an diskutiert und erlangte internationales Interesse.
  • Nadarkhani verbrachte seine Haftzeit im Lakan – Gefängnis von Rasht. Dort wurde mehrfach und möglicherweise sogar unter Einsatz von Drogen versucht, ihn zum Islam „zurückzubekehren“. Eine sofortige Haftentlassung wurde ihm dafür als „Belohnung“ in Aussicht gestellt. Die für den Iran mittlerweile unangenehme Aussicht auf internationale Proteste gegen Youcefs Hinrichtung wären damit vom Tisch gewesen.
  • Zwischenzeitlich war auch seine Frau inhaftiert worden. Ihre Inhaftierung sollte weiteren Druck auf Youcef Nadarkhani ausüben. Diese Maßnahme ließ sich aber dank der Arbeit von Youcefs Anwalt Mohammed Ali Dadkhah nicht aufrechterhalten.
  • Nach einer Bitte um Revision und ein Gutachten durch den Gerichtshof an den Obersten Geistlichen Irans, Ayatollah Khamenei, der sich aber offensichtlich weigerte, eine eindeutige Ansicht zum Thema „Todesstrafe für Apostaten“ abzugeben, stand das Gericht in Rasht erneut vor der Frage, wie sie mit dem Fall umgehen soll. Offensichtlich wurde ihnen aber bedeutet, dass eine Hinrichtung Nadarkhanis nicht mehr „opportun“ sei, nachdem der Fall so viel Aufmerksamkeit erregt hat.
  • Daraufhin wurde seine Verurteilung wegen „Apostasie“ stillschweigend fallengelassen und nun am 08. September 2012 ein Urteil gegen ihn wegen „Evangelisation von Muslimen“ verhängt, dessen Haft (3 Jahre) er aber de facto bereits abgesessen hatte.

Was aber macht der Fall Nadarkhani deutlich, wenn man ihn in seinem Kontext betrachtet ? Welche Schlüsse muss man ziehen, wenn man das gesamte „Hin-und-Her“ in der Behandlung dieses harmlosen Kirchenmannes durch die Autoritäten des Iran in Betracht zieht ?

  1. „Gott wirkt und greift noch heute in unser Leben ein.“
    Nur vom Ende her betrachtet, kann man dankbar und froh sein, dass der Strang an Youcef vorbeigegangen ist. Eine Hinrichtung stand mehr als einmal unmittelbar bevor oder wurde zumindest ernsthaft erwogen. Für mich als Christen steht fest, dass Gott aber Türen öffnet, die Menschen verschlossen halten wollen, wenn seine Kinder ihn bitten. Wenn Christen in aller Welt ihre Gebete vereinen, um Gott anzuflehen, kann Er solche Dinge wirken, solange es in Seinen Plan für ein Leben oder ein Land hineinpasst. Die theologische Kernfrage: „Kann Gottes souveränes Handeln von uns Geschöpfen beeinflusst werden ?“, die nunmehr seit Jahrhunderten diskutiert wird, möchte ich aus meiner Sicht mit einem klaren „Ja“ beantworten. Gerade das Alte Testament ist ja voll von Geschichten, wo Gott den Menschen recht eindeutige Ansagen macht und sie sich dann entsprechend verhalten oder auch nicht. Unser Handeln oder Unterlassen macht eben einen Unterschied ! Deshalb ist mir das Gebet für verfolgte Christen und für Kirchen im Verfolgungsdruck auch so wichtig !
  2. „Die Situation von Christen in islamischen Ländern ist schwierig.“
    An sich eine Banalität, es gehört ja fast schon zum christlichen Allgemeinwissen, dass in allen Ländern, die kulturell vom Islam geprägt werden, Christen mehr oder minder große Probleme haben. Nein, Christenverfolgung findet auch in Nordkorea, China oder Laos statt. Die Lage der Nachfolger Christi dort ist ebenfalls schrecklich und von großem Leiden geprägt. Aber ebensolches gilt in Abstufungen eben auch für alle mehrheitlich von Muslimen geprägten Staaten (bis auf Gambia, wie die Islamwissenschaftlerin Rita Breuer letztlich interessanterweise feststellte. Aber: Ausnahmen bestätigen nur die Regel.). Wenn ein „Zwangs-Koranunterricht“ eingeführt wird, ist das bereits eine bedenkliche Entwicklung. Aber als Christ seinen Kindern diese Indoktrination ersparen zu wollen, kostet Gläubigen im Iran offenbar bereits ihre Freiheit und es fehlte nicht viel und das Leben wäre auch genommen worden.
    Eine, in westlichen Staaten selbstverständliche „Verhältnismäßigkeit“ von „Verbrechen“ und Strafe wird im Bezug auf „Ungläubige“ im Islam komplett negiert. Das sind sich merkwürdigerweise Schiiten und Sunniten einig. Woran liegt das ?
    Ganz grundlegend ist die Ungleichwertigkeit von Muslimen und Nichtmuslimen in allen islamischen Gesellschaften zu beobachten. Da es zum religiösen Dogma aller Muslime gehört, dass „jeder Mensch als Muslim geboren“ wird, kann es sich z. Bsp. bei Christen nur um „Abweichler“ vom wahren Glauben handeln, die keinesfalls mit „wahren Gläubigen“ gleichgestellt werden dürfen. Da aber eine Unterscheidung von  Religion und Staat seit den Zeiten Mohammeds im Islam nicht vorgesehen ist, haben solche kulturellen Prägungen, die auf den Kernschriften und frühen Interpretationen dieser basieren, eine durchschlagende Wirkung im Denken und Handeln von Muslimen aller Ethnien, Altersgruppen und Länder. Christen werden also de facto, ganz gleich, was in Verfassungen geschrieben stehen mag, niemals gleichberechtigt sein.
  3. „das Verbreiten der Guten Nachricht von Jesus Christus kann (nicht nur) im Iran das Leben kosten“
    Man kennt es ja bereits aus den ersten Jahren der Christenheit: Verfolgung bis hin zum Tode war und ist immer ein Teil unseres Glaubens. Es gibt ja auch ein populäres Sprichwort, das soviel sagt wie: „Die Pflanze der Kirche ist mit dem Blut der Märtyrer gegossen worden.“ Für mich bedeutet das soviel wie: „Christsein und sich offen zur Guten Nachricht zu bekennen, ist ein lebensgefährliches Ding.“ Im „alten Rom“ ebenso wie im heutigen Iran (und darüber hinaus). Youcef Nadarkhani ist nur knapp dem Strang entronnen. Vergessen wir das nicht.
    Zumindest wissen wir jetzt, dass das „Evangelisieren von Muslimen“ im Iran strafbar ist und z. Bsp. mit drei Jahren Haft bestraft werden kann. Dem steht selbstverständlich der Missionsbefehl aus der Bibel gegenüber und die Erkenntnis, dass man Gott mehr gehorchen muss, als den Menschen. Eine Zwickmühle in der sich alle bibeltreuen Christen in islamischen Ländern befinden. Wer dennoch evangelisiert und damit nach islamischer Lesart „Menschen auf Abwege bringt“, muss in jedem Falle mit Konsequenzen rechnen, die im schlimmsten Falle auch tödlich sein können. Pastor Youcefs Freilassung, die statt einer möglichen Hinrichtung erfolgte, haben wir in jedem Falle mehr der internationalen Aufmerksamkeit zu verdanken, als einem echten Umdenken im Iran.
  4. „Standhaftigkeit und klare Überzeugung im Glauben werden am Ende belohnt.“
    Was mich vielleicht am meisten an der ganzen Angelegenheit beeindruckt hat, ist die Standhaftigkeit Bruder Youcefs im Glauben. Wir können uns kaum vorstellen, welchen Versuchungen und welchem übermächtigen Druck er im Gefängnis ausgesetzt war, um „abzuschwören“ und Jesus Christus zu verraten. Er hätte nur schnell medienwirksam das islamische Glaubensbekenntnis „Schahada“ aufsagen müssen, um sofort wieder bei seiner Familie zu sein. Aber, fest im Glauben gegründet, fest stehend auf dem Felsen Christus hat er allen Anfeindungen widerstanden und blieb unserem Glauben treu. An einem Mann wie Youcef Nadarkhani kann man seinen eigenen Glauben prüfen !
    Was würden wir aushalten, um Christus nachzufolgen ? Wie weit würden wir gehen, um uns weiterhin mit gutem Gewissen „Christ“ nennen zu können ? Ich gestehe, dass ich im Vergleich mit Bruder Youcef wohl eher schlecht abschneiden würde. Das ist mir Ansporn, noch „radikaler“ für Jesus zu leben, die Wahrheit noch deutlicher zu sagen und zu schreiben und mir die dummen Kommentare (natürlich vor allem von anderen Christen, so traurig das auch ist) und die Ausgrenzungen durch die gottferne, deutsche Gesellschaft immer weniger zu Herzen zu nehmen.

Youcef Nadarkhani ist somit zum Symbol geworden. Zum Symbol dessen, was „der Feind“ (lest Luther, wenn ihr diesen Begriff nicht mehr mögt) aufbietet, um jede selbständige Glaubensäußerung von Christen zu unterdrücken. Aber auch ein Symbol dafür, wie treu und standfest, wie großartig sich Christen auch heute noch an die Seite unseres Erlösers stellen und wie hell ihr unerschütterlicher Glaube in einer in Dunkelheit versinkenden Welt leuchten kann !

Freuen wir uns mit Fatimah, Joel und Daniel, dass ihr Vater wieder daheim ist.

BITTEN WIR UNSEREN VATER IM HIMMEL DARUM, DASS BRUDER YOUCEFS  ÄUSSERE UND INNERE WUNDEN HEILEN WERDEN. BITTEN WIR IHN DARUM, DASS DAS VOLK DES IRAN EINE MÄCHTIGE ERWECKUNG ERLEBT, DAMIT DAS MARTYRIUM DER KIRCHEN DORT ENDET.

In diesem Sinne

Ihr

Martin Clemens Kurz

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