Wider das gewollt naive Christentum

Erst vor wenigen Tagen fiel mir eine meiner Lobpreis-CDs wieder in die Hände, die ich in meiner umfangreichen CD-Sammlung lange „vermisst“ hatte. Erfreut legte ich die Scheibe in den CD-Player und begann, den Lobpreis zu hören.

Stift zu Kommentaren.

Kommentar

Es handelte sich dabei um die „eingedeutschen“ Texte einer vor wenigen Jahren noch sehr bekannten, US-Lobpreisgruppe, die es mittlerweile aber nicht mehr gibt. Der fordernde Rhythmus und die schönen Anbetungstexte wollten mich gerade wieder mitreissen und in ihren Bann ziehen, als mich einiges an den Zeilen dann doch nachdenklich machte. Wenn ein Christ wirklich mit ganzem Herzen singt: „In aller Welt erklingt dieses Lied.“ oder „Jedes Land steht zusammen und ehrt unseren Gott.“, dann sträuben sich mir heute, nach mehreren Jahren ernsthafter Beschäftigung mit dem Thema der Christenverfolgung, nur noch die Nackenhaare. Nein, liebe Lobpreiser: Nicht in aller Welt kann man diese CD hören, ohne von der Religionspolizei verhaftet oder von denunziatorischen Nachbarn verprügelt und ins Gefängnis geschleppt zu werden ! Nein, nicht jedes Land steht auf und ehrt den Dreieinigen Gott ! Stattdessen stecken sehr, sehr viele Länder diejenigen, die dies tun, ins Gefängnis oder töten sie sofort. Stattdessen gibt es mittlerweile auf diesem Planeten „christenfreie Zonen“, wo auch die letzten Gläubigen vertrieben oder ermordet wurden. (Bsp.: weite Teile des Irak, Afghanistan, Marokko, etc.)

Die oben genannten und ähnliche Textzeilen empfinde ich mittlerweile nur noch als geradezu himmelschreiende Naivität und absurdes „Wunschdenken“. Nichts gegen eine Zielvorstellung, wie wir uns das Reich Gottes vorstellen, es ersehnen und uns wünschen, aber wir Christen sind auch nicht dazu gehalten, dumm oder ignorant zu sein. Ja, es heisst, wir sollen „werden wie die Kinder“ (Mt 18, 3), aber das bedeutet (echte, kluge Theologen haben dies bewiesen) eben nur, dass wir zwar in kindlichem Vertrauen zum göttlichen Vater stehen, aber nicht kindisch und offen ignorant sein sollen. Schon der Apostel Paulus legte die „kindlichen Vorstellungen ab“, als er erwachsen wurde. (1. Kor. 13,11, GNÜ) Das bedeutet in meinen Augen, dass wir uns zwar den Zustand der totalen Hingabe dieser Welt an Christus erträumen dürfen, uns wünschen dürfen, dass „alle Länder, alle Völker“ Christus anbeten und Ihm zujubeln, aber die Tatsache, dass es derzeit noch nicht soweit ist, sollten wir nicht einfach hinter unseren Wünschen begraben. Das wäre gefährlich.

Wieder einmal möchte ich möglichen Fehlinterpretationen meiner Worte vorbeugen, indem ich betone, dass das kind-artige Urvertrauen, das wir Christen in den himmlischen Vater haben sollen, davon unberührt bleibt, wenn wir uns „in der Welt“ auch rational verhalten. Auch unser Verstand wurde uns vom Vater gegeben und das sicher nicht, damit wir ihn niemals benutzen und stattdessen permanent Hymnen singen. Das können wir im Leben mit Christus, das nach diesem Leben kommt, noch zur Genüge tun und ich freue mich sogar schon drauf. Auch ich singe sehr gerne schon jetzt im Gottesdienst mit (was von meinen Geschwistern eher mit Sorge betrachtet wird, da ich über kein musikalisches Talent und praktisch keinerlei Singstimme verfüge, 🙂 ) und weiss die Schönheit des Lobpreises und seine wunderbare, für das Wort Gottes öffnende Wirkung zu schätzen. Mehr als einmal sind mir während der Lieder, die ich mit Geschwistern russischer Zunge gesungen habe, die Tränen über die Wangen gelaufen, bitte glauben Sie mir zumindest dies.

Aber das heisst für mich nun  keinesfalls, dass ich jede Textzeile „einfach so“ mitsinge, jeden Unsinn „ungeprüft“ im Lobpreis zu meinem Schöpfer trage. Nein, leider werden die gut gemeinten Lieder, die wunderschönen alten und neuen Hymnen für unseren Schöpfer, wenn man sie ungefiltert nachplappert oft mehr oder weniger zu einem Instrument der Abstumpfung, einem „alles wird gut“ – Schutzschild, durch den viele, „unerwünschte“ Nachrichten, auch die von der Christenverfolgung, nicht mehr bis zu den Herzen vieler Gläubiger durchdringen.

Eine solche Art der Naivität kann sich aber das Christentum angesichts der anschwellenden, konkreten Bedrohung seiner Existenz nicht leisten. Christsein ist eben weiterhin ein gefährliches Unterfangen. In weiten Teilen der Welt, wie ein Blick auf die Karte des Weltverfolgungindex der Organisation „open doors“ nahelegt. Aber auch hierzulande ist die „Selbstverständlichkeit“, mit der man sein Christsein leben konnte, vorbei. Das muss jedem Gläubigen bewusst sein, oder bewusst werden. Vielleicht nur, damit er dann hinterher den Vater im Himmel um so ehrlicher, um so intensiver für dessen Güte, Liebe und Fürsorge, für dessen Größe und Herrlichkeit  „loben und preisen“ kann. Zum Beispiel in einem Lied wie dem herrlichen, alten Choral  „großer Gott wir loben dich“ oder dem wunderbar nachdenklichen „dreimal“ in der Übersetzung des Ehepaars (Adams-) Frey.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, liebe Leser,

Gottes Segen

Ihr

Martin Clemens Kurz

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3 Gedanken zu “Wider das gewollt naive Christentum

  1. Jaja, die Reim-Dich-oder-ich-freß-Dich-Sachen mit der Rosa-Brille. Manches muß man einfach ignorieren, manches ist auch theologisch daneben, manches wäre so einfach umgedichtet und trotzdem wohlklingend. Früher auf Jesus.de gabs mal Threads mit solchen Sachen, da hätte man Listen anlegen können. Manchmal find ich das was da vorne abgeht als Musiker, der ich bin, voll peinlich…

    • Warum finden Sie es peinlich ? Das interessiert mich als „Nichtmusiker“ auch. Ist es die Musik, sind es die von Ihnen so richtig als „Reim-dich-oder-…“-Texte kritisierten Zeilen oder die „superentrückte“ Haltung vieler Lobpreis-Musiker ? Mir selbst sind spontan eben die oftmals derart peinlichen Texte aufgefallen, die ich nicht mehr guten Gewissens zu meinem Schöpfer „emporjubeln“ will. Um eben mein Bewusstsein für viele weltliche und geistliche Realitäten zu schärfen. Es gibt immerhin so viele, gute Kirchenlieder, von denen viele direkt auf Bibelstellen basieren („Lobe den Herrn meine Seele“ o. ä.) wo man sich nicht schämen muss mitzusingen.
      Aber aus Ihrer Perspektive gibt es sicher noch viel mehr Punkte, wo moderner Lobpreis hinterfragt oder sogar korrigiert werden müsste. Würde mich interessieren, davon zu hören.

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