Türkei: Mor Gabriel „legal“ enteignet

So viel zur vielbeschworenen „Demokratisierung“ und inneren „Entspannung“ in der Türkei. Der Rechtsstreit um die Enteignung der Ländereien des Klosters „St. Gabriel“ wurde nun vom Obersten Kassationsgerichtshof entschieden.

Türkei

Welche Überraschung: die seit Jahrhunderten im Besitz des Klosters befindlichen Ländereien seien „illegal okkupiert“ worden und deshalb legal zu enteignen. Nun sollte dies den Beobachter der Entwicklungen im „Sultanat“ des großen Führers Erdogan nicht sonderlich überraschen. Stellt aber immer noch einen schockierenden Höhepunkt in der Entwicklung der demokratischen Türkei Atatürks zu einem fundamentalistischen Sunniten-Sultanat dar. Kritische Journalisten im Knast, das Militär machtlos und von „handverlesenen“ Bücklingen geleitet, die Justiz kopflos und mit Freunden der AKP-Partei Erdogans besetzt. Die Türkei ist in den vergangenen Jahren schrittweise, und unter dem weitgehenden Ausschluss weltweiter Reaktionen, „gleichgeschaltet“ worden.

Vor diesem Hintergrund muss uns nicht wundern, dass ein Kloster, das älter ist, als der Islam, älter als die Türkei, nun mit sozusagen „legalem“ Anstrich enteignet wird. Das Oberste Kassationsgericht hat die Übertragung von Land, das seit 14 Jahrhunderten zum Klostereigentum gehörte, an die staatliche Immobilienverwaltung nun für legal erklärt. Im Urteil wird wörtlich vom türkischen Staat als „Besitzer“ und vom Kloster Mor Gabriel als „Okkupanten“ gesprochen. Der entsprechende Gerichtshof habe, so Kommentatoren aus Exil-türkischen Kreisen, bereits in der Vergangenheit eine fatale Tendenz zum Anheizen der interreligiösen Spannungen gezeigt.

So habe es bereit 1974 (sic ) Urteile gegen nichtislamische, religiöse Stiftungen gegeben, die diesen ihre Arbeit und ihre Möglichkeiten, legal zu operieren, genommen habe. Die Diskriminierung von Nichtmuslimen hat also bereits eine lange Tradition, auf der Herr Erdogan und seine Mitstreiter nun genüsslich aufbauen können. Nicht umsonst hat es diverse repräsentative Umfragen im Land am Bosporus gegeben, in denen sich bis zu 47 % aller befragten Muslime wünschten „keine Christen als Nachbarn“ zu haben und auch die Mitarbeit von Christen in staatlichen Sicherheitsbehörden ablehnten.

Der Publizist und Rechercheur Soner Önder wies in einem unlängst auch bei „Aina.org“ erschienenen Artikel weiterhin auf die lange Tradtion türkischer Vorurteile gegenüber Minderheiten hin. Diese religiösen oder ethnischen Minderheiten werden im Bewusstsein der meisten Türken als Gruppen „mit geheimen Absichten“ angesehen, die „echte Türken“ um ihre Rechte oder ihre Besitztümer bringen wollten oder gar beabsichtigten, die staatliche Integrität der Türkei zu gefährden. Diese Einstellung lag sowohl dem versuchten Genozid an den Armeniern zu Grunde, als auch der Nichtanerkennung des sog. „Kurden-Problems“.

Auch die Kirchen sind verstärkt wieder davon betroffen. Die Kirche des Konzils von Nicäa soll unlängst von einem Museum in eine Moschee umgewandelt worden sein. Gleiches droht nun auf Initiative fanatischer Sunniten auch der weltberühmten Hagia Sophia in Istambul. Und die unzähligen körperlichen Attacken auf die wenigen verbliebenen Priester und Mönche im Land mag man schon kaum noch dokumentieren, weil sie mittlerweile zum Alltag im Land gehören. Ähnlich wie die Tötungen von Missionaren und Bischöfen. Was Soner Önder nun am Fall des Mor Gabriel-Klosters übel aufstößt, ist die von türkischen Eliten immer wieder postulierte „Veränderung“, die „neue Politik“ im Land, die aber gegenüber Christen verdächtig nach der „alten Politik“ aussieht. Ebenso muss darauf hingewiesen werden, dass die Assyrische Minderheit, zu der das Kloster gehört, niemals offiziellen Status seit der Staatsgründung erhalten hat. Man frage nur einmal Schwester Hatune, die selbst Assyrerin ist, was das in der Praxis bedeuten kann.

Speziell auf diese syrisch-orthodoxe Minderheit hatten es in jüngster Zeit diverse, regimetreue Medien abgesehen, indem sie die Assyrer als „israelische Typen“ darstellte, die einen eigenen Staat durch Landerwerb errichten wollten. Auch die Geschichtsbücher staatlicher, türkischer Schulen zeichnen ein Bild von den Minderheiten als den „Anderen“, die potentiell permanent dabei sind, Verrat zu planen. In diese Kerbe schlägt nun auch das Urteil des Kassationsgerichtshofes und zementiert damit ein reaktionäres Weltbild, in dem Dinge wie „Menschenrechte“ oder „Religionsfreiheit“ nur Muslimen und am besten auch nur ethnischen Türken zukommen. Brauchen wir solch ein Land in der EU ?

BITTE BETEN SIE FÜR DIE ASSYRISCH-ORTHODOXEN CHRISTEN WELTWEIT, DEREN GEMEINSCHAFT SICH NUR IN DER DIASPORA NOCH ENTFALTEN KANN.

(Quelle: „aina.org“ vom 29. Juni 2012)

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2 Gedanken zu “Türkei: Mor Gabriel „legal“ enteignet

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