Kommentar/Erfahrungen: Alltag in Ägypten

Liebe Leser, Sie werden sich ganz sicher daran erinnern, dass ich vor einiger Zeit darum bat, dass Sie ihre Erfahrungen mit der Christenverfolgung oder deren (ausbleibender ?) Resonanz in unserem Land mit anderen Lesern zu teilen. 

Stift zu Kommentaren.

Kommentar

Nun habe ich die Erlaubnis der von mir hochgeschätzten Kommentatorin Rita Sieberz erhalten, einen ihrer Kommentare der letzten Zeit hier als gesonderten Artikel einzustellen. Ich denke nämlich, dass diese Beiträge mehr als einmal schon viel zu schade waren, um im Kommentarteil eines Artikels „unterzugehen“ und dort möglicherweise überlesen zu werden. Etwas „konkrete Einsicht“ in die Verhältnisse vor Ort macht die Situation, in der Christen beispielsweise in Ägypten  existieren müssen, nämlich viel deutlicher, als es Pressemeldungen und Zeitungsartikel können.  In diesem Sinne erinnere ich daran, dass vor wenigen Tagen hier ein Artikel über Unruhen an der Universität von Assiut in Ägypten von mir gepostet wurde, auf den mir folgendermaßen geantwortet wurde:

 Ich denke, die Studentin hat trotz allem Verständnis unklug gehandelt!

Sie hätte besonnen genug sein müssen, alleine und öffentlich zu agieren. Gerade Assyut ist schon seit Jahrzehnten brandgefährlich!

Vor einigen Jahren ( es ist bestimmt c. 8 Jahre her) wurden dort in der Nähe -eine koptischer Wallfahrtsort irgendwo zwischen Minia uns der Universitätsstadt- 2 Busse mit jungen Koptischen Abiturienten an diesem Ort mit Maschinengewehren niedergeschossen. Es kam fast ein ganzer Jahrgang ums Leben. Vor 4 jahren wurde ein Koptischer Kinderarzt (bekannt und geliebt) mit fast seiner ganzen Familie in seinem Privathaus ermordet aufgefunden.

Mir sind immer wieder von zuverlässigen! Koptischen Freunden aus dem Süden des Landes solche Fälle berichtet worden. Diese Ereignisse haben niemals den Weg bis nach Europa gefunden, so etwas wurde totgeschwiegen! Schon vor vielen jahren, damit die Kopten einigermaßen unbehelligt leben konnten.
Diese junge Frau hat in ihrem jugendlichen Eifer nur schlafende Hunde geweckt!
Die Region ist ohnehin noch ursprünglicher als der Rest des Landes. Sie wird auch als Schlupfloch von vielen obskuren Gestalten genutzt durch die vielen Möglichkeiten bedingt, die dort die Wüstenpassagen bieten. Kriminelle aller Kolleur und Schmuggler aus Lybien, mischen sich dort mit Radikalen, die immer mal wieder untertauchen müssen.
Ich war einige Male mit meinem Mann dort auch in den letzten Jahren (natürlich nicht mit offizieller erlaubnis aber mit einer “Empfehlung” sagen wir es mal so, die uns die Sperren öffneten. Die Menschen leben teils archaisch aber auch mit den westlichen Segnungen wie RTL und VOX.

Da prallen verschiedene Jahrhunderte in jedem Haushalt aufeinander! Die Kinder spielen mit Esel und Nintendo und Game Boy, es ist völlig pervers!

Gerade in diesen Gegenden werden die Christen gerne personalisiert mit Filmfiguren. Frauen sind unzüchtig, verdorben und in ständiger Gefahr. alleine der Islam kann ihnen das alles ersparen und sie sicher ins Paradies geleiten…….Nur SCHWARZ und WEIß! Ich habe diese Städte schon seit 1988 besucht und es hat sich eher noch mehr zurück entwickelt, sieht man davon ab, dass gerade Assyut eine hervorragende medizinische Fakultät vorweisen kann. Die Schere zwischen den gebildeten und den “Normalen” Bürgern klafft sehr weit auseinander.

Ein Arzt aus unserer muslimischen Familie (wir sind wirklich wie Schwestern und Brüder) hat 4 Jahre in Boston als Gynäkologe am Klinikum operiert. Er hält den Frauen seiner Familie glühende Vorträge, das -Entschuldigung- Tampons die auch in der Werbung dort zu sehen sind und in den Apotheken verkauft werden mit arabischer Gebrauchsanleitung- TEUFELSWERK seien, und der Unzucht mit einem anderen Manne gleichzustellen seien!!! In Amerika seien auch Frauen daran gestorben. Mag sein, es gibt eine Allergie, die wirklich mir dem Tod endet, aber dieser gebildete Arzt von knapp 40 Jahren mißbraucht hier seinen Berufsstand, um als religiöser Eiferer gut vor seinen Glaubensbrüdern dazustehen. Er legt einfach einmal so die regeln für sehr viele Frauen fest!

Ich beschreibe dies so deutlich, damit sich der Leser des Artikels irgendwie vorstellen kann, WIE die Frauen dort der Willkür der Männer ausgesetzt sind selbst bei als ihren Frauen wohlwollenden Partnern ! Ich habe dort in den Familien jahrelang sehr dezent Aufklärung betrieben, wurde auch unter Anwesenheit meines Mannes ernsthaft und freundlich befragt. Ich komme aus der Medizin und kann mich in die Nomenklatur der Medizin flüchten, wenn es schwierig wird. Ich genieße dort vertrauen und habe es niemals mißbraucht. Es ist eine Gradwanderung, die Menschen sind abergläubisch, fehlinformiert und durch den islam gebunden.

In einem solchen Klima grenzt es an Russisches Roulette, wenn sich eine einzelne Studentin -zu Recht natürlich- so in Szene setzt und auch andere Menschen gefährdet.Das hätte gerade sie wissen müssen. Es war eine sehr unkluge Vorgehensweise. Um dort etwas zu verändern zum Gunsten der Christen, muß es anders angegangen werden. Ägypten braucht nicht noch mehr Märtyrer!

In Kairo wäre das evtl. anders ausgegangen, aber in Mittelägypten gleicht das fast einem SUIZID!

(Hervorhebungen von mir.)

Ein starkes Wort, aber man überdenke mal die Implikationen: Wer seinen Glauben in diesem Umfeld aus Hass und alltäglichem Wahnsinn einigermaßen offen zu leben versucht, nähert sich einem Selbstmordversuch. Ich gestehe, immer wieder sprachlos zu sein angesichts dieser Sachlage.  Also, noch einmal vielen Dank für diese sehr persönliche Ein- und Ansicht Ägyptens.

Wer selbst einen Eindruck aus Ländern mit Christenverfolgung mitzuteilen hat und sich jetzt motiviert fühlt, diese Dinge mit den Lesern des BGVK-Blogs zu teilen, ist herzlich willkommen. Auch persönliche Eindrücke darüber in welcher Form die Not unserer Geschwister hierzulande auf Widerhall (oder eben auch nicht) stößt, sind hier hochwillkommen, speziell, wenn es um das Engagement von Christen, Gemeinden und Kirchen geht.

In diesem Sinne, wünsche ich allen Lesern wieder

Gottes Segen

Ihr

Martin Clemens Kurz

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