Syrien: Christen im Dilemma

Die Einschätzungen von syrischen Christen, was die fragile Lage ihres Landes angeht, die wir hier im Blog in den letzten Wochen gelegentlich reflektiert haben, werden noch einmal gut in einem Artikel der „christian post“ zusammengefasst, der unlängst erschien.

Syrien

Unter der Überschrift: „Syrien – Christen in der Zwickmühle“ werden dort verschiedene, weitere Stimmen und Einschätzungen aus dem Land zitiert, die eine komplizierte Gemengelage ans Licht bringen. Die Autorin Luisa Oleszczuk fasst eingehend ihre Einschätzung so zusammen:

Christen in Syrien befinden sich derzeit in einem moralischen Dilemma. Einerseits fühlen viele eine Verpflichtung, sich gegen den  Präsidenten Bashar al-Assad auszusprechen, angesichts der wachsenden Aufrufe zum Sturz der Regierung.  Andere hingegen sind besorgt über die Möglichkeit, dass wenn sie die Pro-Demokratie-Protestler unterstützen, Gläubige in Zukunft Opfer tödlicher Gewaltdrohungen von muslimischen Extremisten werden könnten.

Das Beispiel des Nachbarn Irak wirkt mächtig in den Köpfen und Herzen der Christen Syriens. Die dortige Anarchie und offene Christenvertreibung und  -verfolgung, der praktisch keinerlei Einhalt geboten wird, ist für alle Gläubigen in Syrien ein Menetekel, dessen Mahnung nicht zu übersehen ist. Zwischen den Fraktionen des Irak, Sunniten, Schiiten und Kurden, sind die Christen praktisch komplett aufgerieben worden. Dies soll in Syrien nicht noch einmal passieren, zumal viele irakische Christen dort Zuflucht gefunden haben.

Ryan Mauro vom „christian action network“, ein Beobachter der Sicherheitslage, fasst die Lage der Christen folgendermaßen zusammen:

Wenn sie Assad unterstützen und er dann fällt, könnten sie zu Zielen von Racheattacken werden. Deshalb ist die christliche Gemeinschaft in Syrien weitgehend still, da sie nicht wissen, was zu tun ist. Die Christen mögen idealerweise die Demokratie bevorzugen gegenüber Assad, aber ihre Gemeinschaft kann deren Freiheiten nicht mehr geniessen, wenn sie dann zerstört wird.

Justin Maier von der christlichen Hilfsorganisation „International Christian Concern“ gab der „christian post“ folgendes statement zum Abdruck frei:

Während die syrischen Christen einen säkularen Staat wollen, bevorzugen doch viele von ihnen Reformen unter Assad gegenüber einer gewählten Regierung, die sehr wohl islamistisch aussehen könnte und somit die delikate Balance der Gleichheit zerstören würde, die Syrien zu einem Modellstaat für Religionsfreiheit in Nahost gemacht hat.

Ob nun Syrien tatsächlich „ein Modellstat“ religiöser Toleranz gewesen ist, sei dahingestellt. In jedem Falle wurde unter der weitgehend säkularen Regierung der von Alawiten dominierten, syrischen „Baath-Partei“ auf religiöse Überzeugungen weniger Wert gelegt, was die Führungsrollen im Staate anging. Die Baath-Patei stützte sich z. T. auf Minderheiten wie Schiiten, Drusen, Alawiten und Christen. Auf einen „ausgewogenen Proporz“, so wie er derzeit im Irak angestrebt wird, wurde in Syrien unter den Assads niemals wert gelegt, da die mit ca. 74 % der Bevölkerung größte religiöse Gruppe der Sunniten immer notorisch unterrepräsentiert war.

Die Sunniten sind jetzt auch diejenigen, die in ihrer Mehrheit die Aufstände in Syrien anführen und Druck auf Christen und andere Minderheiten ausüben, sich ihnen anzuschließen. Auch die radikalen, mit arabischem Geld und fundamentalistischer Propaganda aufgerüsteten Prediger sind überwiegend Sunniten. Im Artikel wird auch auf ein interessantes Detail in der Geschichte Syriens hingewiesen:

Das Christentum ist ein wichtiges Element der syrischen Geschichte von religiöser Diversität und Koexistenz. Damaskus war eine der ersten Regionen, die das Christentum empfingen in der Zeit des Dienstes des Apostels Paulus. Viele befürchten, dies alles könnte vorüber sein, wenn islamische Parteien an die Macht kommen.

Experten bestehen darauf, dass der Westen, indem er einseitig die Aufständischen unterstützt, die syrischen Christen einer zukünftigen Gefahr aussetzt und ihre Leben in Gefahr bringt. Das sollten wir wissen, wenn auch deutsche Medien über Dinge wie „Embargos“ oder sonstige, staatliche und internationale Maßnahmen gegenüber dem Assad-Regime fabulieren und die Aufständischen alle als „lupenreine Demokraten und anti-Diktatur-Kämpfer“ schönzeichnen.

Wohin die Reise auch in Syrien gehen kann, haben bereits die Entwicklungen in Tunesien und Ägypten gezeigt. Dort haben mutige, säkulare Kräfte den Kampf gegen alteingesessene Diktaturen begonnen und schließlich die Unterstützung breiter Massen gewonnen. Nachdem die autoritären Machthaber dann abgetreten waren, wurden Wahlen ausgeschrieben und mit Geld aus der Golfregion schließlich von den Islamisten gewonnen, die jetzt dabei sind, ihre Länder in Gottesstaaten umzuwandeln. Die Unterstützung des Herrscherhauses von Katar für die tunesiche „Ennahda“-Partei ist gerade erst publik geworden. Und dass saudische Gelder in Milliardenhöhe an die ägyptische Salafisten – Partei „Al-Nur“ gezahlt wurde, ist auch kein Geheimnis mehr. Ein Schelm wer dabei nicht denkt, dass mit dieser massiven Beeinflussung kein in nahöstlichen Ländern leider üblicher Stimmenkauf betrieben wurde. Armut machts möglich.

Der Islam-Experte David Wood, seit Jahren ein exzellenter Kenner der islamischen Ur-Schriften „Koran“ und „Hadithen“ und ein führender Apologet freier Gesellschaften, sagte gegenüber der „christian post“ folgendes:

 Hier ist des Pudels Kern: Assad ist ein brutaler Herrscher, aber er ist gleichmässig brutal gegenüber Jedermann. Wenn die Islamisten das Land übernehmen, und das werden sie fast sicher tun, sobald das säkulare Regime gefallen sein wird, werden sie genauso brutal sein wie Assad. Aber sie werden die Menschen nicht gleichbehandeln. Christen werden dann vor eine Menge Probleme gestellt werden, ebenso wie andere, islamische Minderheitengruppierungen.

Damit spielt Wood natürlich auf die schiitische Minderheit, die Alawiten und Drusen an, die traditionellerweise von sunnitischen Radikalen als „Ungläubige“ angesehen und entsprechend behandelt werden. Die bereits erwähnte, christliche Organisation „International Christian Concern“ berichtet bereits jetzt über viele e-mails und Briefe von christlichen Leitern in Syrien, die sich äußerst besorgt über die Zukunft ihres Landes äußern.

BITTE BETEN SIE FÜR FRIEDEN IN SYRIEN. BITTE BETEN SIE DAFÜR, DASS DIE URALTEN, GERADEZU URCHRISTLICHEN GEMEINDEN SYRIENS ERHALTEN BLEIBEN UND DEREN MITGLIEDER EINE ZUKUNFT IN IHRER HEIMAT HABEN.

(Quelle: „the christian post“ vom 17. Januar 2012)

Update vom 19. Januar 2012:
Wie der „Barnabas Fund“ unter Bezugnahme auf Quellen aus Syrien berichtet, die er aber aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben will, soll es seit Weihnachten 2011 eine Welle von Tötungen und Entführungen gegeben haben, deren Opfer vorwiegend Christen gewesen seien. Es werden Details zu „Drive-by-shootings“ genannt, Kindesentführungen erwähnt und Gewalttaten durch Unbekannte, die Christen zu Opfern machten. Ob dies bereits die Vorboten einer syrisch-sunnitischen Christenverfolgung sind, oder nur Anzeichen der wachsenden Anarchie im Lande, wird die Zukunft zeigen.

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