Nigeria und der Auslandsbischof: ein kurzer Kommentar

Die Situation in Nigeria ist sicher allen aufmerksamen Zeitungslesern, TV-Zuschauern und Lesern dieses Blogs bekannt. Die Konflikte, welche die islamische Terrorgruppe „Gruppe der Sunniten für die Propagierung der Lehren des Propheten und des Dschihad“ (Ex-„Boko Haram“) durch Terrorangriffe anheizt, sind gerade dabei eine massive Flüchtlingswelle entlang der „religiösen“ Trennlinie von Nord- und Südnigeria auszulösen.

Karte von Nigeria.

Nigeria

Gerade erst berichtet die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) von Flüchtlingsströmendiverser, in Nigeria beheimateter Völker. Die muslimischen Haussa des Südens würden angeblich zu 10.000enden nach Norden „fliehen“ und  Tausende, christliche Ibo würden gerade dabei sein, den mehrheitlich muslimischen Norden zu verlassen.  Der GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius spricht bereits von einer „Zerreißprobe“:

 Das Land steht vor der schwersten Prüfung seiner Einheit seit dem Völkermord in Biafra vor mehr als 40 Jahren.

Unter den Christen herrsche die Angst vor neuen Terrorangriffen der „Gruppe der Sunniten für die Propagierung der Lehren des Propheten und des Dschihad“ (Ex-„Boko Haram“) , die in ganz Nigeria das islamische Scharia-Recht einführen und somit das Land in einen sunnitischen „Gottesstaat“ verwandeln will. Sowohl Sprecher des Volkes der Ibo als auch der Yoruba kündigten mittlerweile an, dass ihre ethnischen Gemeinschaften weitere Gewalt von Boko Haram nicht mehr tatenlos hinnehmen wollten und sich nun selbst gegen neue Übergriffe auf Christen schützen würden. Wer jetzt „ausdifferenzieren“ wollte, könnte auch noch die nomadischen Viehzüchter der Fulani gegen die ackerbauenden Berom ausspielen. In diese Richtung argumentiert auf Anfrage der christlichen Medienmagazins „PRO“ der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte. Der üblicherweise gut informierte Gottesmann wirft  der Organisation „open doors“, die erst am 04. Januar 2012 ihren aktuellen „Weltverfolgungindex“ vorgestellt hatte, vor, diese Konflikte nicht differenziert genug zu betrachten:

 Soziale, kulturelle und ökonomische Faktoren spielen eine große Rolle. Gerade die jüngsten Anschläge von Boko Haram zu Weihnachten in Nigeria haben ja gezeigt, dass sich die Gewalt gegen den Westen richtet und nicht im engeren Sinne gegen das Christentum.

Von „Open Doors“ wünscht er sich eine stärkere Differenzierung. Gestatten Sie, Herr Bischof, dass ich Ihnen widerspreche ! Sehen Sie, ich will es Ihnen einfach machen, lieber Bruder Schindehütte. Das „Ausdifferenzieren“ und penible Analysieren von Konflikten oder Gewaltausbrüchen sollten wir lieber den Medien, den Wissenschaftlern und den Politikern überlassen. Die werden ganz sicher so lange an den Fakten „herumdoktorn“, bis niemand in unserem Land und in unseren Kirchen mehr klar sieht. Sie werden sozusagen dafür sorgen, dass wir „den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen“, indem sie uns jeden Baum haarklein beschreiben und dabei die Perspektive auf den Wald aus den Augen verlieren. Wir Christen aber sollten in uneingeschränkter Solidarität mit den Geschwistern in Nigeria in Gebet, Ermutigung und Tat an deren Seite stehen. Warum ist das für viele so schwer zu verstehen und zu praktizieren ?

Denn für uns sollte es selbstverständliche Pflicht sein, die „roten Fäden“, die sowohl den Konflikt in Nigeria, als auch viele Verfolgungsereignisse andernorts miteinander verbinden, zu erkennen. Was, lieber Bruder Schindehütte, könnte wohl die „Boko Haram“ mit den Mördern Shahbaz Bhattis in Pakistan verbinden ? Was könnte es sein, das den Bürgermeister von Bogor in Indonesien, Herrn Dani Budiarto, dazu bringt, gegen das Gesetz zu verstossen und der Yasmin-Kirche Zutritt zu ihrem Eigentum zu verweigern und auch die schiitischen Mollahs des Iran dazu bringt, einen Youcef Nadarkhani einzukerkern und möglicherweise um seines Bekenntnisses willen zu töten ? Nein, Bruder Schindehütte, hier greifen keine „ethnischen“, „sozialen“ oder „regionalen“ Spannungen. Indonesier sind keine Fulani, Iraner sind keine Pakistani und die sozialen Unterschiede zwischen den Reichen und Armen der Länder, in denen es die stärksten Christenverfolgungen gibt, fallen oftmals zu Ungunsten der Christen aus. So sind z. Bsp. viele Kopten in Kairo Müllsammler während ihre Verfolger zum Staatsapparat gehören. Pakistanische Landarbeiter werden von ihren Gutsherren nicht um eines höheren Ansehens Willen entlassen, gefoltert und mit falschen Anklagen überzogen.  „Sozialneid“ zündet also keine Kirchen in Ägypten an oder vergewaltigt Krankenschwestern in Pakistan. Und was verbindet wohl die Ibo und Yoruba Nigerias ? Hier endet der Sinn und Zweck der von Ihnen, Lieber Bruder,  geforderten Differenzierung.

Der ROTE FADEN, der allen diesen Ereignissen und Konflikten zu Grunde liegt, muss also ein anderer sein. Das gilt für Nigeria wie für Pakistan, den Iran, Ägypten, Indonesien usw. Machen Sie sich ihre eigenen Gedanken bitte und denken Sie auch in „unkonventionellen“, unbequemen Kategorien, damit Sie sich nicht den Vorwurf machen lassen müssen, aus falsch verstandener Gutherzigkeit den klaren Blick auf die Realität verloren zu haben. „Hass auf den Westen“ teilen die Terroristen mit vielen von der EKD so gerne gehegten und gehätschelten, deutschen Bürgerinitiativen, die alles „eigene“ gerne mit Füssen treten, während alles „andere“ automatisch als gut, erhaben, reizvoll und überlegen angesehen wird. „Hass auf den Westen“ gibt es sicher in vielen Ländern und sei es auch nur aus Angst vor Werten wie der Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, die einer echten Demokratisierung der Gesellschaft vorangehen. Aber nicht überall wird dieser von Ihnen ja zu Recht diagnostizierte Hass auch in Form widerlicher Übergriffe in Aktion umgesetzt. Das müssen wir sehen.
Haben Sie Angst vor der Wahrheit, Herr Bischof ? Könnte diese Ihr sorgsam ausdifferenziertes, so wunderbar gefälliges Weltbild gefährden ? Die Wahrheit, liebe Mitchristen, nicht nur die des Evangeliums, macht uns frei. Vergessen wir das nie. Und Wahrheit schmerzt oft. Jesus wusste darum und hat diesen Schmerz nicht gescheut. Er wusste, für und gegen wen er seinen Dienst tat.
1. Joh. 2,22

mit freundlichem Gruss

Martin Clemens Kurz

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