Armenien/Türkei: Französischer Präsident mahnt die Anerkennung des Armenischen Holocausts an

Bei seinem Besuch in Armenien, dem ersten Staatsbesuch in diesem Land, hat der französische Präsident Sarkozy u. a. auch die Anerkennung des versuchten Genozids an den Armeniern in den Jahren 1915/16 durch die Türkei gefordert.

Armenien

Wir erinnern uns: Während des Ersten Weltkriegs erklärte die „Jungtürkische“ Regierung des Osmanischen Reiches die Minderheit der Armenier kollektiv zu „Verrätern“ und begann aktiv damit, sie durch regionale Vertreibungen und darauf folgende Todesmärsche  auszurotten. Das klare Ziel dieser Aktionen war eine endgültige Vernichtung der christlichen Armenier, nicht etwa eine Vertreibung ins Ausland oder eine politische Neutralisierung dieses Bevölkerungsteils. Als damaliger Verbündeter des Osmanischen Reiches haben deutsche Diplomaten und Miltärberater davon gewusst und vor allem der Arbeit des Orientalisten Johannes Lepsius ist es zu verdanken, dass die Erinnerung daran erhalten blieb. Mittlerweile gibt es, gegen heftigsten Widerstand aus Ankara durchgesetzt, in der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam ein Forschungzentrum, das der Arbeit von Johannes Lepsius und dem armenischen Genozid gewidmet ist. (Unseren Artikel über die Eröffnung in diesem Jahr lesen Sie bitte HIER nach.) Nach vorsichtigen Schätzungen sind bei den Todesmärschen und sonstigen Massakern ca. 1 Million armenische Christen ums Leben gebracht worden.

Nun stellen wir uns einmal vor, den Tätern, die den Holocaust der europäischen Juden orchestriert haben, würden in Deutschland Lobeshymnen in Schulbüchern gesungen, es würden Straßen und Plätze nach Heinrich-Himmler oder Adolf Eichmann benannt und Denkmäler für Rudolf Höss errichtet. Das wäre selbstverständlich widerlich und die internationale Völkergemeinschaft hätte jedes Recht, einen solchen Staat, der derartige Dinge durchführt oder fördert, aus seiner Mitte zu ächten.

Das Gleiche passiert jedoch in der Türkei, wo die Männer, die den Genozidversuch an den Armeniern befahlen bzw. durchführten in Schulbüchern heroisiert werden, wo Plätze und Straßen nach ihnen benannt sind und sogar jegliche Kritik an ihnen unter Strafe gestellt ist. Denn ein Anerkennen dieses Armenier-Genozids gilt als „Verunglimpfung des Türkentums“ und kann nach geltendem Strafrecht drakonisch geahndet werden. Ein Land, das beabsichtigt, sich der Gemeinschaft europäischer Staaten anzuschließen, aber keine Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit übernimmt, sollte sein Ansinnen noch einmal genau überprüfen. Wir Deutschen wissen, wovon wir reden, denn wir haben den Holocaust aufgearbeitet, fast bis zum Grad der intellektuellen Selbstgeißelung. Und wir haben daraus viel gelernt.

Das selbe fordert Sarkozy nun von der Türkei. Am Donnerstag, den 06. Oktober 2011, hat der französische Präsident während seines Staatsbesuches in Armenien die Türkei dazu aufgefordert, endlich, nach so langer Zeit, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Die Weigerung, die Verbrechen der Vergangenheit auch nur beim Namen zu nennen, nannte er dabei wörtlich „nicht akzeptabel“.  Das „große Land“ Türkei würde „ehrenhaft“ verfahren, wenn es seine Geschichte kritisch neu betrachten würde, wie es andere „große Länder“ schon getan hätten. Er nannte dabei wörtlich Deutschland und seine eigene Nation, Frankreich. Frankreich selbst hat offiziell den versuchten Genozid an den Armeniern auch als solchen anerkannt und gewürdigt, ein Schritt, den viele andere, freie Länder mit erwähnenswerten, armenischen Minderheiten auf Druck der Türkei nicht getan haben, darunter auch die USA. Denn die Türkei verringert seine politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zu allen Ländern, die offen über die Geschichte der Armenier im Osmanischen Reich reden.

In diesem Zusammenhang sei übrigens auch nicht verschwiegen, dass es in Frankreich Präsidentschaftswahlen geben wird, bei denen Sarkozy natürlich auch auf die Stimmen der zahlreichen, armenischen „Diaspora“-Gemeinden hofft. Seine Forderung an die Türkei ist also, wie bei Politikern üblich, nicht ganz uneigennützig. Nichtsdestotrotz wird Sarkozy, nach dem Besuch der nationalen, armenischen Gedenkstätte in Jerewan, mit folgenden Worten zitiert:

 Der Völkermord an den Armeniern ist eine historische Tatsache, die von Frankreich anerkannt wird. Kollektives Leugnen (dieser Tatsache, Anm. d. Übers.) ist sogar noch schlimmer, als individuelles Leugnen. Wir sind immer stärker, wenn wir der Geschichte ins Antlitz sehen und Leugnen ist nicht akzeptabel.

Es sei an dieser Stelle die kleine „Spitze“ erlaubt, die in der Frage besteht, ob wohl ein deutscher Top-Politiker solch offene Worte riskieren könnte, ohne eine Welle des Protestes durch den türkischen Staat, türkische Medien oder diverse türkische Interessengruppen wirtschaftlicher und religiöser Natur in unserem Lande auszulösen ?

BITTE BETEN SIE FÜR DIE TÜRKEI, DAMIT AUCH DORT EIN WANDEL DES POLITISCH-HISTORISCHEN BEWUSSTSEINS MÖGLICH WIRD, DASS SICH AUCH DEN DUNKLEN KAPITELN DER EIGENEN GESCHICHTE STELLT OHNE DAFÜR ABGESTRAFT ZU WERDEN.

(Quelle: „aina.org“ vom 06. Oktober 2011)

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